Fiction

In der Fiction-Rubrik stehen - der Name deutet es schon vorsichtig an - fiktionale Texte im Mittelpunkt. Dabei gibt es eine Fülle von Darstellungsformen und Themen: Von der realitätsnahen und mehr oder weniger stringent erzählten Kurzgeschichte über schwärmerische Lyrik bis zum völligen Irrsinn in Tüten ist alles drin -- viel Spaß!

 

 

 

 

 

 

Die Steinigung

von Finn Kirchner

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Wäre die Saison ein Krieg, die Frühjahrsklassiker wären die Ostfront. Dieser unbeschreibliche Dreck. Sieben Arten Dreck: äußerer Dreck, innerer Dreck, dreckige Methoden, dreckige Berge, dreckige Taktiken, dreckige Landschaften, dreckiger Untergrund.

One of Us Must Know (Sooner or Later)

von Kalle Kalbhenn

erschienen in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Jo fuhr die von den Schildern von ihm verlangte Geschwindigkeit. Sein Polo war das einzige Auto auf der Landstraße, auf dem Beifahrersitz schlief Mia. Sie wachte hin und wieder auf, blinzelte um sich und schlief weiter. Das Radio spielte bedeutungslose Musik. In den Liedern ging es um Wetter und Liebe.

Tortour

von Tobias Nehren

erschienen in Kommunikaze 36: Briefe

Die Kette erzeugt ein monotones Surren, das durch meine tiefen und gleichförmigen Atemzüge unterlegt wird. Dies wird sich im Laufe der nächsten Stunden grundlegend ändern, denn vor mir liegen Momente voller Leid und Schmerz, in denen Milchsäure meine Muskeln brennen lassen wird und die dünne Luft gepaart mit dem  untersättlichen Bedarf meines Körpers nach Sauerstoff mich nach Luft schnappen lassen wird wie ein Fisch, den der Ozean in den heißen Sand einer tropischen Insel geworfen hat. Ich bin Radrennfahrer.

Nummer 3 | August 2008

von Lorenz Just

erschienen in Kommunikaze 35: Männer

Wie ein Laufband rollt die Straße unter ihm hindurch. Das Vorderrad schluckt weiße Streifen - das Einzige, was sein Scheinwerferlicht seit langem reflektiert. Der Waldrand verwischt zu einem dunklen Brei. Um seinen Kopf das Rauschen der Geschwindigkeit. Kleine Insekten klatschen immer wieder in sein Gesicht und auf die Schutzbrille. Er will endlich ankommen.


Tagestour

von Stefan Berendes

erschienen in Kommunikaze 35: Männer

Es hatte schon drei Wochen lang Hunde und Katzen geregnet. Dann zwei Wochen lang Kröten. Und als die Wetterlage in Woche sechs dann schließlich in Richtung Blut umschlug, wurde uns klar, dass die Sache ernst war.

Die Lücke

von Jörg Ehrnsberger

erschienen in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

Mit uns war das so wie mit dem U-Bahn Fahren. Als es neu war, war alles aufregend. Die Stimme aus den Lautsprechern, die einem sagt, wo man ist. Die einem sagt,  wo die Reise hingeht. Die Mitreisenden. Und es gibt in der U-Bahn ganz schön komische Mitreisende. Aber das war egal. Wir waren zu zweit. Uns konnte keiner.

Schreiben wie Nehren oder: Zerbombte Rosinen

von Finn Kirchner

erschienen in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

Ich liege auf meinem Auto und schaue die Landebahn von Tempelhof entlang. Früher lagen wir hier häufig zusammen und sahen den Fliegern beim Start zu. Jetzt startet kein Flieger mehr und du bist weg. Unsere Maschine hatte eine Bruchlandung.