"Oben + Unten" Intro

von Olker Maria Varnke

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37. viertes Quartal 2010

Es ist das womöglich flexibelste Thema, das die Kommunikaze je behandelt hat. „OBEN und UNTEN“. Da passt fast alles. Zum Beispiel Geschlechtsverkehr: Mal sie, mal er, mal er, mal er, mal sie, mal sie. Oder die Gesellschaft: mal sind es die einen, mal die anderen. Immer aber sind irgendwelche OBEN und UNTEN. Dann zum Beispiel Weltraum: Er OBEN, sie UNTEN, oder umgekehrt.

Sinus

von Urs Ruben Kersten

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Vorspiel

Ich halte diese Menschen für Drückeberger einerseits, für Parasiten andererseits. Erst sagen sie: „Ja, natürlich!“ und „Klar, machen wir!“ oder „Sicher, das wird der Hammer!“ Später heißt es dann: „Im Moment ist es eher schlecht, holen wir nach.“ und „Klar ist das blöd, aber zur Zeit geht’s einfach nicht.“ oder „Die nächsten Tage wird’s nicht hinhauen, aber in ein paar Wochen…“ Am Schluss dann: „Nee, machen wir nicht. Ist ja jetzt auch schon viel zu spät!“ und „Das lohnt sich doch jetzt gar nicht mehr, nach sechs Monaten zumal, da ist doch auch der Abstand viel zu groß!“ oder „Was, häh? Das soll ich gesagt haben? Kannste ja mal total vergessen, würd‘ ich nie tun. Und guck‘ mal, das Parkett!“ Drückeberger!

Oben und unten

von Tobias Nehren

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Das Telefon klingelte, und als ich den Hörer abnahm und Sandras Stimme nach über einem Jahr zum ersten Mal wieder hörte, verschwamm durch ihren Unterton am anderen Ende der Leitung der Raum um mich herum wie warmes Wachs und wurde als Klumpen in meinem Magen wieder fest. Christian war tot, sagte sie.

Das Orakel hat gesprochen

von Judith Kantner

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

„Ich check‘ das alles nicht mehr. Was ist denn das für ein Wahnsinn?“, flucht Paul. So flucht er öfter. Ich hör‘ das schon gar nicht mehr. Paul sitzt vor dem Fernseher, ich stehe in der Küche und püriere mit der rechten Hand bedächtig das Gemüse für die Gazpacho, während ich mit der linken gedankenverloren meinen iPod etwas lauter drehe. Queen, „Who wants to live forever?“, höre ich und frage ich mich auch.

Über den Rand

von Stefan Berendes

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Wind zerrt an ihm, als er das Dach betritt. Er braucht vier Versuche, bis er es endlich schafft, sich eine Zigarette anzuzünden. Er kommt oft in seinen Pausen zum Rauchen hier herauf. Es ist angenehmer, als unten vor der Tür auf der Straße zu stehen, bei all den anderen.
Auf dem Dach ist es kalt und windig. Und es ist so hoch oben, dass die eilig umherhastenden Figuren unten auf der Straße so aussehen wie die Ameisen, die sie in Wirklichkeit sind.
Er zieht an seiner Zigarette.

Andromeda und das Kreuz des Südens

von Jörg Ehrnsberger

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Himmel war so schwarz, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Und es war so ruhig, wie er es seit Monaten nicht mehr erlebt hatte. Am Himmel stand lediglich der Mond und etwas darunter waren die ersten Umrisse der Venus zu erahnen. Er war am Strand eines Gebirgssees mitten in den Anden im Süden Chiles und hatte den Tag sanft vom Nachmittag in Richtung Abend gleiten lassen.

Stammtischgespräch

von Stefan Berendes

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

„Die da oben spinnen doch!“, sagen
Wir hier unten oft. Wenn
Die da oben etwas machen, was
Wir hier unten für Blödsinn halten. Weil
Wir hier unten glauben, dass
Die da oben gar keine Ahnung davon haben, wie es uns hier unten geht.
Und weil
Wir hier unten auch gar nicht sicher sind, was
Die da oben sich dabei denken oder ob sie sich überhaupt etwas denken
– an uns hier unten denken sie jedenfalls nicht.

Indoor-Erfahrungen

von Tobias Nehren

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 37, viertes Quartal 2010

Der Radsport ist in einem Punkt ganz elementar anders als andere Sportarten. Vielleicht ist das Besondere,  dass es nicht in erster Linie darum geht, der Beste im Hochspringen, im Toreschießen, im schnell Laufen oder in irgendetwas Ähnlichem zu sein, sondern darum, der Beste im am meisten Schmerz ertragen zu sein. Der Erste Im Radsport zu sein, bedeutet, derjenige zu sein, der am wenigsten merkt, dass alles, was man da tut, eigentlich relativ fern der menschlichen Natur ist.