Golfclub

von Michael Weiner

Auto02.gif

Motorsport-Ressortchef Michael Weiner testet einen automobilen Klassiker

erschienen in Kommunikaze 17, Februar 2006

Sportwagen, die Geländewagen sind und aussehen wie Kombis. Bullis, die Kombis  sind und fahren sollen, wie Sportwagen. Limousinen, die Coupés sein könnten, wenn sie einfach zwei Türen weniger hätten. Pritschenwagen, die aussehen wie Panzer und so viel verbrauchen wie Ozeanriesen. Billigautos aus dem Ostblock, die genauso aussehen und auch genauso fahren, aber von Franzosen entworfen wurden. Kleinstwagen, die aussehen wie von Ikea, von Deutschen entwickelt, aber von Franzosen gebaut werden, in die man aber trotzdem drei Kisten Bier reinkriegen soll. Der Trend in der Automobilbranche geht eindeutig zum Nischenmodell, und in Sachen Design ist Retro (natürlich) ganz groß in Mode. Doch mit der äußeren Gestaltung heutiger Automobile zeigt sich J. Mays, Designchef von Ford, nicht ganz zufrieden. In einem deutschen Fachmagazin geht er vor allem die deutsche Automobilbranche hart an: „Ich hoffe, wir werden zu einem logischeren Design zurückkommen“ heißt es dort1 . Außerdem müssten deutsche Autos wieder ihren hohen technischen Entwicklungsstand in der Designsprache kommunizieren. Den drängenden Problemen des Mannes kann abgeholfen werden: Die neu gegründete Redaktion Motorsport der Kommunikaze hat einen Wagen gefunden und getestet, der sowohl höchste Ansprüche an Design und Funktionalität, wie auch an Fahrdynamik erfüllt und gleichzeitig das Maß seiner Klasse ist.

Was hat man in der sogenannten „Golfklasse“ nicht alles über sich ergehen lassen müssen? Längs eingebaute Motoren verkleinern beim Einser BMW den Innenraum auf die Größe einer Coladose, Mercedes’ A-Klasse brauchte drei Modellgenerationen, um mit einem Fahrwerk geliefert zu werden, dass die Insassen nicht mutwillig der Seekrankheit preisgibt. Diverse französische Hersteller lassen die Kinderkrankheiten ihrer Modelle am Fahrer aus, der aber dafür wenigstens ein günstiges Auto gekauft hat. Doch dann steht er vor uns. Auf dem Parkplatz. Im Regen. Das Auge fährt über die klare Seitenlinie hin zur Front. Auf die runden Scheinwerfer ist die gesamte Formgebung ausgerichtet. Gerade Linien, geometrische Formen und eine nach vorn strebende A-Säule sind der Konzertsaal, der Motorraum der Orchestergraben, und der 1,6 Liter Vierzylinder spielt die erste Geige im 1991er Golf II. Keine überbreiten Lufteinlässe stören das Understatement, keine Spoilerlippe schabt auf dem Asphalt. Das Interieur des dynamischen Dreitürers lässt ebenso wenig Fragen offen, wie das Exterieur. Rundinstrumente beherrschen das Armaturenbrett. Das kleine, mit Leder bezogene Sportlenkrad ist eine vom Halter des Wagens eingebaute Hommage an die Rallye-Version des Golf II. Die Sitze bieten ausreichend Seitenhalt und sind straff gepolstert. Die große Beinauflage sorgt für den nötigen Langstreckenkomfort. Doch genug gegafft, jetzt wird gefahren.

Der Zündschlüssel ist noch ein rechtes Stück Schmiedekunst. Ihn ins Schlüsselloch an der Lenksäule zu stecken, erfordert einen gewissen Kraftaufwand, den einzusetzen man sich als Pilot neuerer Automobile scheut, doch hier kann nichts abbrechen, nichts verbiegen. Den Schlüssel kräftig herumgedreht, und schon erwachen die 72 PS zum Leben. Doch das tun sie so leise, dass man unweigerlich beim Anfahren das Drehzahlband in seiner ganzen Breite bemüht. Mühe hat der Motor nicht mit den 905 Kilogramm Leergewicht, dafür der Fahrer beim Lenken. Ohne Servolenkung, mit kleinem Sportlenkrad und dem Motorgewicht auf der Vorderachse, muss man schon ordentlich am Volant zerren, um den Vorderrädern den gewünschten Einschlag abzuringen. Da dauert es schon eine Weile, bis man sich vom Parkplatz runtergezirkelt hat. Erst einmal auf freier Strecke, wird einem schnell klar, wofür die Muskelübungen am Steuerrad gut sind, denn schließlich will auch die Gangschaltung betätigt werden, wobei sich der Wählhebel nicht locker mit zwei Fingern durch die Schaltgasse manövrieren lässt. Hier wird noch mit Körpereinsatz im Gestänge gerührt und gefuhrwerkt. Dafür bekommt der sportlich ambitionierte Fahrer über das deutlich fühlbare Einrasten der Gänge die Rückmeldung, die er braucht.

Auf dem Kommunikaze-Handlingkurs in Osnabrück Wüste angekommen, werden die werksseitig angegebenen Leistungsdaten überprüft. Der Motor wird auf fünftausend Touren gejubelt. Im Falsett brüllend nimmt er die Herausforderung des Gasfußes an. Der Sprint von Null auf Hundert muss allerdings auf halbem Wege abgebrochen werden, da sich einfach zu viele Schulen und Altenheime an der Teststrecke angesiedelt haben. Die Telemetriedaten, die wir später auslesen, lassen jedoch schließen, dass es die angegebenen 13,5 Sekunden gewesen wären. Sicher, dass ist nicht gerade der Wert des Bugatti Veyron. Doch dafür fliegt uns auch nicht nach drei Schaltvorgängen das Getriebe um die Ohren2 . Aber das straffe Fahrwerk des Golf lässt beim Räubern um die Kurven durchaus Freude aufkommen. Erfreulich, wie wenig sich die Karosserie neigt, und das Fahrverhalten bleibt stets im sicheren Bereich, da der Wagen bei aller Ausgewogenheit leicht zum Untersteuern neigt.

Bei allem Fahrspaß ist gerade auch die Funktionalität des Golf II hervorzuheben. Auf der Rückbank haben bequem zwei, zur Not auch drei Erwachsene Platz, und im Kofferraum kann man ohne Probleme eine komplette Kommunikaze-Auflage von der Druckerei abholen. Beim Cruisen auf der Teststrecke zeigt sich die Wirkung des Bauhaus-Designs: Die Vorbeifahrt am Altenheimen lässt die Augen der vielfachen Bewunderer an der Strecke feucht werden. Aber vielleicht hat man uns da auch nur für die Zivis gehalten, die das Essen bringen.

Sollte also eines Tages ein bekannter Rapmusiker an Eurer Tür klingeln und behaupten, er käme von einem weltumspannenden Musiksender und er wolle Euren Golf II mitnehmen und ihn zwei Wochen später aufgemotzt wiederbringen, dann schlagt ihm die Tür vor der Nase zu. Es sei denn, Ihr wollt, dass der Kofferraum von Subwoofern belegt ist, die Rückbank von mehreren Flachbildmonitoren strahlt, Eure Türen nach oben öffnen, der Wagen bonbonfarben lackiert ist und zu allem Überfluss statt auf den original Stahlfelgen auf „bling-bling“ Zuhälter-Schmiederädern steht. Seid stark. Sagt einfach nein.