Ist das wirklich nötig?

von Sebastian Rohling

erschienen im Rahmen des Titelartikels in Kommunikaze 17, Februar 2006

Schauen wir uns doch einmal um. Was für Kleidung trägt der Nachbar, was wir? Welchem Trend folgen wir gerade, bzw. welchen verweigern wir, indem wir den entsprechenden Gegentrend zur Schau stellen?

Die breite Masse geht zumeist kollektiv in einem farblichen Einheitsbrei durch die Straßen der Städte. Alle tragen, was entweder gerade hip ist oder aus dem Ausverkauf stammt und somit seine Halbwertszeit erreicht hat. Wie Heuschreckenplagen, Buffalos, T-Shirts mit intelligenten Sprüchen, oder Stiefel mit lustigen Fellknäulen, wie sie Katzen gerne ausspucken, brechen sie Naturkatastrophen gleich über uns herein. Scheinbar aus dem Nichts stehen sie vor uns und hinterlassen ein Bild des Schreckens. Das dann ebenso schnell verschwindet und einfach von einem neuen, grausamen Trend überdeckt wird.

Die Opfer? Heerscharen von so genannten Modebewussten Individuen, die in den Meeren der Trendfarben zu ertrinken scheinen. Unschuldige Fotos, die das Chaos und die Hysterie bis in alle Ewigkeit dokumentieren. Wer weiß, vielleicht stehen noch unsere Ur-Ur-Enkel vor diesen historischen Zeitzeugen, wie wir heute vor den Moais auf Rapanui und stelle sich die gleichen Fragen wie wir heute. „Musste das wirklich sein?“ und „Was zur Hölle soll das darstellen?“

Doch wer ist für dieses Chaos zu verantworten? Ein innovativer, intelligenter und modebewusster Designer? Ist das der Grund, weshalb die Kirche sich solchen modischen Schickssaalsschlägen nicht anschließt? Oder ist es eine Form von Evolution? Eine textile Evolution, für deren Erklärung es eines neuen Wissenschaftsbereiches bedarf? Wen können wir zur Rechenschaft ziehen? Mosi wohl nicht mehr. Aber was ist mit den anderen verbliebenen Designern und Models? Sind sie schuld an unserer Miesere, oder haben wir unsere kreativen Seelen an den Teufel in Designerklamotten verkauft?

Wir stürzen uns wie Lemminge immer und immer wieder in den modischen Suizid oder Vollrausch, um am nächsten Morgen mit dickem Kopf alles zu bereuen und zu vergessen. Nie wieder Alkohol. Nie wieder Mode. Aber keiner hält sich daran.

Die dazugehörigen Accessoires sind dabei noch viel grausamer zu uns. Wie eine Flutwelle überschwemmen sie Regionen und Länder mit Dingen, die  uns verzieren wie einen Weihnachtsbaum. Überall an unserem Körper blinkt, baumelt und funkelt es. Meist verlieben wir uns so sehr in die diese kleinen Freunde des Alltags, dass wir sie am liebsten als Grabbeilage mit in die nächste Runde bekämen.

Aber jetzt mal im Ernst: Haben wir denn gar nichts aus den 80ern gelernt? Wie viele Grausamkeiten müssen wir uns und unsere Umwelt noch zumuten, bis wir endlich erkennen, das des Kaisers alte Kleider doch die schönsten sind.