Spülen und vergessen

von Urs Ruben Kersten

erschienen in Kommunikaze 36: Briefe

„Your make-believe reality is full of shit. “
Entombed, ’Out of Hand

Jetzt also dreißig. Zwar hatte er sich vorgenommen, das alles möglichst unaufgeregt über sich ergehen zu lassen, aber diese Feier hatte er dann natürlich doch gegeben. Das gehörte zu seinem Plan, der ganzen Hysterie Paroli zu bieten. Er feierte jedes Jahr, warum also ausgerechnet in diesem nicht? Ein Freund von ihm war damals nach Norwegen geflohen und von einem Fjord ins Meer und damit in den nassen Tod gestürzt. Das war natürlich gelogen,  der Freund kam nach zwei Wochen gesund und erholt aus Norwegen zurück, aber übertrieben war es trotzdem gewesen.

Die einen gerieten in furchtbare Aufregung, die anderen blieben betont cool. Zwar verfiel kaum jemand vollständig einem dieser beiden Extreme, aber nur wenige schafften es, nicht allzu deutlich in Richtung des einen oder des anderen zu tendieren. Er schien, das hatten ihm auch Bekannte bestätigt, erfolgreich den Mittelweg zu beschreiten. Doch war ihm klar, dass auch er, allein durch die Tatsache, dass er so angestrengt über die ganze Sache nachdachte, dem Ganzen zu viel Bedeutung beimaß und somit nicht besser war als jene, die sich übertrieben lässig gaben und jene, die komplett durchdrehten. Es war zum Mäuse melken.

Vergänglichkeit, Verfall, diese ganze Scheiße, klar dachte er darüber nach, das hatte er ja auch vorher schon getan. Aber dass ihn das ausgerechnet jetzt so geballt traf ärgerte ihn, obwohl es wenig wunderte. Vielleicht gründete sein Ärger auf der inneren Ablehnung des Klischees oder es ärgerte ihn einfach nur so, wer vermochte das schon zu sagen? Auch der Wunsch nach Veränderung hatte sich in sein Denken eingeschlichen und eines Tages stellte er mit Schrecken fest, dass er begonnen hatte, innerlich Bilanz zu ziehen. Zwar war es ihm gelungen, den ersten Schock durch massive Alkoholzufuhr abzumildern, doch die Gedanken, oh Wunder, verschwanden nicht. Arbeit, Familie, Zukunft so ganz im Allgemeinen, es war nicht zum Aushalten. Alles war eine Katastrophe.

„Auf die Mittelmäßigkeit!“, hatte er einem Fremden in der Kneipe zugeprostet.

- „Isch rechd. Gibschd aan aus?“

Warum nicht? Aufstehen, Nägel schneiden, wieder hinlegen. Und dann wieder von vorn.

Er hatte sich überlegt, in der Nacht seiner Feier mal ein paar Minuten vor die Tür zu gehen und ein bisschen zu weinen, nur für sich. Hinausgegangen war er tatsächlich, doch anstatt zu weinen, hatte er nur eine geraucht. Eine Weile hatte er durch Augen-zusammenkneifen versucht, wenigstens ein, zwei Tränen herauszudrücken, vergeblich. Den ihn daraufhin beschleichenden Frust hatte er mit ein paar Bieren fortzuspülen versucht, mit durchaus respektablem Erfolg. Mit Bier besiegt! Das fand auch ein Großteil der Anwesenden komisch, einige bestanden sogar darauf, dass das ein „richtig guter Songtitel“ sei. Was genau er damit gemeint hatte, teilte er niemandem mit. Trotzdem war eben jenen, die über diesen Spruch lachen konnten, klar, welche tiefere, wenn auch nicht tiefe Bedeutung ihm innewohnte. Auch ihnen war der Vorgang des Fortspülens, welcher je nach Vorliebe mit Bier, Wein oder Hochprozentigem durchgeführt werden konnte, vertraut. Das ist es wohl, was in der Fernsehzeitung immer mit dem Begriff Tragikomik beschrieben wird.

Die anderen Gäste tranken weiterhin Tee oder Fanta und fanden das weder komisch noch tragisch und gingen dann auch deutlich früher als die Fortspüler. Warum kamen die überhaupt auf so eine Feier? Pflichtgefühl? Wollten sie sich selbst ihrer Überlegenheit versichern, ihres Glückes, nicht zu einer Fortspülmaschine geworden zu sein? Oder aber um sich anschließend mit dem Partner ins Bett zu kuscheln und so richtig schön zu bilanzieren? Die hatten doch auch mit dem inneren Widerstreit von diesem und jenem zu kämpfen, so blöd waren die ja auch nicht. Aber entweder bekamen die das irgendwie in den Griff oder sie ließen sich nichts anmerken. Oder sie waren doch genau so blöd, konnte sein. Das hatte er auch schon früher in Erwägung gezogen, eine einfache Erklärung zwar, aber eine durchaus plausible. Wie hieß noch dieser irische Dichter, der mit dem Whiskey-Rekord? Da lief erst kürzlich eine Sendung im Fernsehen, diesen Menschen betreffend. Vielleicht sollte er die im Internet suchen und sich erneut anschauen. Nichts einfacher als das, als Digital Native zumal. Sicher musste man nicht über einen besonderen Intellekt verfügen, um sich dem Alkohol hinzugeben, jedoch schien der Segen eines einigermaßen intakten Verstandes eine Herausforderung an die eigenen Kontrollmechanismen darzustellen.

Vielleicht hätte er ebenfalls nach Norwegen fahren sollen. Nicht flüchten, nur in den Urlaub, völlig unaufgeregt. Was hatte der Freund wohl in diesen zwei Wochen unternommen, oben in Norwegen? Fortgespült hatte er vermutlich nichts, nicht bei den dortigen Bierpreisen. Und Proviant für vierzehn Tage passte nicht ins Handgepäck. Sollte er den Freund nachträglich doch noch beneiden? Aufgrund der Tatsache, dass er zwei Wochen in Norwegen gewesen war, vielleicht. Da hatte er selbst auch mal hingewollt, da sei es ja, wie man häufig hörte, landschaftlich sehr schön. Aber darüber hinaus wollten in ihm keine Neidgefühle erwachsen, mochte es für den Freund der richtige Weg gewesen sein, der seine war es sicher nicht. Er lehnte sich zurück und zog an seiner Zigarre. Wo die auf einmal hergekommen war, konnte er sich nicht erklären, aber er störte sich nicht an ihrer Gegenwart. Ausgestanden war es noch lange nicht, jedoch hatte sich ein versöhnliches Moment in die Sache eingeschlichen. Zwar war es das Schicksalhafte an seiner Lage, das ihm die ganze Zeit zuwider gewesen war und ihn auch nach wie vor bedrückte. Doch bekam er langsam eine Ahnung davon, dass er sich mit diesem Umstand, wie auch mit der Sache selbst, würde arrangieren können. Ausgeliefert zu sein erleichterte nichts per se, doch warum den Fatalismus bekämpfen, wenn man ein bisschen mit ihm kuscheln konnte? Zweifellos würde eine Zeit des Nachdenkens und Fortspülens vorangehen, doch dem sah er gelassen entgegen. Nachgedacht und Fortgespült hatte er in der Vergangenheit bereits ausgiebig, das konnte er, gleichzeitig, abwechselnd, nacheinander, Reihenfolge egal. Anstatt die Anwesenden an seinen Überlegungen teilhaben zu lassen, warf er erneut ein paar, dessen versicherten ihn die Umstehenden, „richtig gute Songtitel“ in die Runde und ließ diesen einige „hervorragende Bandnamen“ folgen. Er war für die nächste Dekade gerüstet.


EPILOG

“Why do you drink so much?”
“To forget.”
- “To forget what?”
“I don’t know, I forgot that a long time ago.”

Frank Sinatra, Dean Martin

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Illustration: Mia Hague