Schmalzgespräche

von Urs Ruben Kersten

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 36: Briefe


Hamburg, 20.03.2010

Sehr geehrter Herr Ebert,

Wie die meisten Bundesbürger erfuhr ich aus den Medien (taz, SZ, BILD, Fernsehen, usw., usf.) von dem Skandal, der Ihr von mir hochverehrtes Magazin erschütterte. Und erschüttert bin auch ich! Als trendbewusster Endzwanziger sehe ich es als meine höchste Bürgerpflicht, regelmäßig NEON zu kaufen, mir die Bilder anzuschauen und ab und zu auch ein wenig darin zu lesen. Sie merken es bereits, ich bin auf Ihrer Seite! Es ist einfach nicht fair, wie hier eines der großartigsten Erzeugnisse der deutschen Presse zu Grunde gerichtet wird, fuck no!

Mir ist bewusst, dass Sie nach der Pleite mit dem Mocek vorsichtiger geworden sind, ja geworden sein müssen. Und wenn jetzt der Max Dax auch noch sagt, dass man so ein Interview schon ein wenig frisieren, sprich „Gedanken zusammenfassen, Sätze zu Ende denken, Interviews aus dramatischen Gründen umbauen“ dürfe, dann fragt man sich schon, was für eine Scheißbranche das überhaupt ist, in der wir hier operieren. Mit einem Wort und auf die Gefahr hin mich slightly zu wiederholen: Ich fühle mit Ihnen! Aber das ist nicht der Grund meines Schreibens. Viel mehr halte ich hier etwas in Händen, das Ihnen helfen könnte, die angekratzte Reputation Ihres Magazins wieder auf Hochglanz zu polieren. Na, interessiert? Dachte ich mir!
Also, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum, let’s get to the fucking point! Ich möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten, das sie unmöglich ablehnen können. Seit Jahren arbeite ich als freier Musikjournalist, als freelancer sozusagen. Meine Artikel und Interviews werden in vielen renommierten Musik-, Szene- und Trendzeitschriften veröffentlicht, in zu vielen um hier auch nur eine zu nennen. Sie sehen, ich bin hochqualifiziert, ein Tausendsassa, ein crazy Typ mit Talent und Erfahrung. Und ich möchte nur eines: Geben sie mir Ingo Moceks Job! Ich garantiere Ihnen Top-Storys, gepfefferte Kommentare und total gute Interviews. Garantiert echt und beschissfrei, aus erlesenen Zutaten und fein abgeschmeckt! Sie denken jetzt vermutlich: „Quasseln kann jeder, was steckt hinter dieser fantastisch aussehenden, mit Gold, Edelsteinen und feinstem Geschmeide verzierten Fassade?“ Ich verzeihe Ihnen diese Frage, auch wenn sie ziemlich frech ist. Skepsis liegt in der menschlichen Natur, vor allem bei einem hochqualifizierten Tausendsassa von Chefredakteur, wie Sie einer sind. An dieser Stelle soll meine Arbeit für mich sprechen, lassen wir Worten weitere Worte folgen. Ich biete Ihnen, als kleines Einstandsgeschenk meinerseits, ein weltexklusives, hochbrisantes, garan-tiert fakefreies Interview mit Beyoncé Knowles! Da hab‘ ich doch nicht zu viel versprochen, das haut Sie um, wie? Bereiten sie schon mal meinen Arbeitsvertrag vor, weitere Spitzenartikel werden folgen, das verspreche ich Ihnen. Aber genießen sie erstmal das Beyoncé-Interview, welches ich diesem Schreiben als Anlage beigefügt habe. Sie werden nicht enttäuscht sein, das verspreche ich Ihnen!


Mit freundlichsten Grüßen

Andreas S. Dühring-Föhr




Anlage: Interview mit Beyoncé


ASDF: Hallo Beyoncé!

BEYONCÉ: Hallo!

A: Sie haben es bestimmt selbst mitbekommen, in der deutschen Zeitschrift NEON sind gefälschte Interviews mit ihnen, ihrem Mann Jay-Z, Christina Aguilera und Anderen veröffentlicht worden. Ein Skandal, möchte man meinen. Wie hat das die amerikanische Medienöffentlichkeit aufgenommen? Und wie geht es ihnen damit?

B: Ja, ich habe in der Tat von diesen unglaublichen Vorgängen gehört. Um ihre Frage zu beantworten: Die amerikanische Medienöffentlichkeit interessiert sich überhaupt nicht für solche Albernheiten, wir haben hier bedeutsamere Probleme, wie die Reform des Gesundheitssystems, religiöse Fanatiker, den Bartwuchs von Robert Pattinson, etc. Und auch mir persönlich geht das ganze meilenweit an meinem wohlgeformten Arsch vorbei. NEON? Was soll das sein? Deutschland? Wo liegt das, in Kleinasien? Da fällt mir ein, darf man das Wort „Arsch“ in den deutschen Medien überhaupt benutzen?

A: Aber natürlich, sie dürfen hier alles! Der Deutsche wirft ohnehin pausenlos mit Unflat um sich, ohne Kraftausdrücke weiß der Deutsche gar nicht wohin mit sich.

B: Oh, das ist schön, danke sehr!

A: Gerne. Kommen wir zurück zu dem so called Interview. Es scheint sie überhaupt nicht zu stören, dass da ein kleiner Hanswurst ihren Namen benutzt, um Geld und Prestige zu erwerben. Einer, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, verkauft sein eigenes Gewürge als ihre innersten und wahrsten Gedanken. Macht sie das nicht wütend? Haben sie keine Angst, dass das ihrem Ruf und ihrer Karriere schaden könnte?

B: Geschadet hat es ja in erster Linie ihm und seiner Karriere, HAHAHA! (lacht) Aber Spaß beiseite, natürlich war ich anfangs verärgert. Doch nachdem ich das Interview selbst gelesen hatte wurde mir schlagrahmartig klar, dass keiner auf diesen Schwindel hereinfallen würde. Seien wir ehrlich, jeder der mich kennt weiß, dass die Aussage, Butter sei „in meinem Leben nicht unbedingt von zentraler Bedeutung“,  nicht von mir stammen kann. Denn in der Tat ist Butter in meinem Leben von zentraler Bedeutung. Ich ernähre mich, genau wie meine Familie sowie weite Teile der US-amerikanischen Bevölkerung fast ausschließlich von Butter. „Butter ist Leben“, weiß der Volksmund. Ohne Butter wäre ich nicht der Mensch, der ich bin.

A: Starke Worte von einer starken Frau! Allerdings ist mir ihr starker Butterbezug bisher weder in ihren Interviews noch in ihren Songs aufgefallen. War ich zu unaufmerksam?

B: Das ist durchaus möglich. Man muss schon ein bisschen zwischen den Zeilen lesen, um meine starke Butterverbundenheit zu erkennen. Für meine wahren Fans sind diese news natürlich old news, aber man kann ja auch nicht von jedem verlangen, dass er sich täglich 16 Stunden mit mir und meinem Schaffen auseinandersetzt. In dem Destiny’s-Child-Song „Bootylicious“ gab es die Textzeile „I don’t think you can handle this, whooo“,  da ging es auch um Butter, auf der Meta-ebene versteht sich. Ich habe sogar mal einen Song mit direktem Butterbezug geschrieben. Der hieß „Buttersong“: „Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter“. Den habe ich damals allerdings nicht selbst performed, sondern an einen deutschen Künstler weiterverkauft. Heute bedauere ich das.

A: Hochinteressant! Nach diesen Aussagen stellt sich mir als Verfechter des investigativen Musikjournalismus natürlich die Frage, ob sie bei der Band „Lard“ und insbesondere bei deren Werk „The power of lard“ ebenfalls im Hintergrund die Fäden in der Hand gehalten haben?

B: Definitively nein. „Lard“ bedeutet auf Deutsch soviel wie „Schmalz“, ich aber bin eine Butterfrau. Butter verhält sich zum Schmalz meines Erachtens wie eine wohlgereifte Flasche Bordeaux zu einer 1,5-Liter-Bombe Lambrusco. Die eine steht im Regal auf Blickhöhe, während die andere im Staub zu unseren Füßen dahinvegetiert. Und das auch noch in unterschiedlichen Läden. Schmalz ist Bückware. Als Band verehre ich „Lard“ allerdings über die Maßen. Sie hätten sich jedoch lieber „Butter“ nennen sollen, dann wären die heute Superstars.

A: Ein äußerst gelungener Vergleich, obwohl ich noch nie beobachten konnte, dass sich eine Flasche Bordeaux „verhält“. Schon gar nicht einer dahinvegetierenden 1,5-Liter-Bombe Lambrusco gegenüber.

B: Sie sind ein glücklicher Mann.

A: Das stimmt! Ich trinke auch lieber Weißwein, da ist man auf der sicheren Seite. Oh, wie ich sehe, neigt sich unsere Interviewzeit bereits dem Ende zu. Abschließend möchte ich ihnen, einer alten Interviewunsitte folgend, noch ein paar Begriffe hinwerfen, zu denen sie bitte möglichst kurz Stellung nehmen. Sagen sie einfach, was ihnen spontan dazu einfällt.

B: Gut.

A: Destiny’s Child.

B: Vergangenheit.

A: Terrorismus.

B: Destiny’s Child.

A: Jay-Z.

B: Notiz an mich selbst: Ehevertrag von Notar überprüfen lassen.

A: Belgien.

B: Pommes Frites, Marc Dutroux, Belgisch-Kongo.

A: August der Starke.

B: Schwanzgesteuert, Meissener Porzellan.

A: Amerika.

B: God’s own country. (rülpst)

A: NEON.

B: Hackfleisch.

A: Meine Lieblingsbutter.

B: Kerrygold.

A: Beyoncé, ich danke ihnen für dieses Gespräch.

B: Bitteschön. Und Tschö mit ö.





München, 25.03.2001

Sehr geehrter Herr Düring-Föhr,

sehr geiles Interview, erste Sahne! Und Ihr Stil ist der Wahnsinn! Die ganzen vielen Ausrufungszeichen und so. Ultrageil und superlecker! Bitte mehr davon, schnell! Interview-Wunschkandidaten: Jay-Z, Christina Aguilera, Snoop Dogg, Slash und der ganze Rest der Popmischpoke sowie Räuber Hotzenplotz und Ernst Neger (der ist zwar schon lange tot, aber das schaffen Sie!). Vertrag ist schon in der Post, Geld gibt’s natürlich auch. Wie wäre ist mit einigen tausend Euro? Pro Artikel, pro Monat oder pro Sekunde, ganz wie Sie wünschen. Denken sie daran, unser Magazin braucht sie! In diesem Sinne,

weitermachen!

Michael Ebert

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Illustration: Stefan Berendes