Brief aus Pasadena

von Anna Groß

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 36: Briefe

Lieber S.,

Ich schreibe Dir diesen Brief mit einem Radisson Pasadena Hotelbleistift. W. ist zurück nach Heidelberg gegangen, und ich lebe hier nun im Keller des Hauses meiner Schwester. Dein Brief ist mir nachgesandt worden, deshalb dauert auch alles so lange. Macht aber nichts. Macht mir gar nichts aus. Die Zeit vergeht so an aus an aus. Mir geht es so gut und so schlecht wie nie zuvor. Einerseits gehöre ich jetzt tatsächlich zu denen mit den schlechten Zähnen, die nie hungrig, aber immer gierig sind und nicht spüren, ob es warm oder kalt ist. Andererseits habe ich mich vor acht Jahren schon so gemalt und immer, wenn ich solche im Fernsehen sah oder in Büchern darüber las, dachte ich, ja, genau, das bist du. Und jetzt? Wie tragisch. Tatsächlich hat mich die Natur mit Beginn der Pubertät aussortiert und ich habe dem wirklich nichts entgegenzusetzen.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie es ist, neu anzufangen, wo einen niemand kennt. Man schämt sich zumindest nicht mehr für den Verfall. Keine Angst, S., ich werde Dir jetzt nicht mein „Hab und Gut“ vermachen. Niemanden werde ich damit bedrohen, mein scheiß-dreckiges Hab und Gut vermacht zu bekommen. Schon gar nicht, nachdem Du meine gesammelten Collagen und Briefe – zu Deinem eigenen großen Bedauern – in einem Hotelzimmer in Prag hast liegen lassen... Was kann man denn schon groß mitnehmen, auf einen Langstreckenflug (und ich meine damit noch gar nicht DEN einen großen Langstreckenflug).
Ich lebe im Keller des Hauses meiner Schwester und benutze das Kellerfenster als Einstieg. Ich höre oben den Fernseher laufen und – in Wirklichkeit ist mir das alles vollkommen egal – Worte, Worte, Worte, insbesondere Deine Worte, S.
Ich fühle mich so geehrt, Dich inspiriert zu haben, mit meinem „Gespür für das Subtile, das Weibliche“. Meinem Gespür, für etwas, das ich bekommen habe, weil ein Fluch auf meiner Familie lastet, für eine Gabe, einen Makel, den man erhält, wenn man etwas unglaublich Furchtbares getan hat. Für die Erbsünde, Blut, Schmerzen und Hässlichkeit, die Unperfektion, mit dem Makel der Weiblichkeit behaftet zu sein, ein Diener, eine, Deine Muse zu sein. Ich fühle mich so über und über an-, be- und vollgeehrt von Dir.
Das Päckchen damals, Deine erste Karte, die Cassetten, die Du mir geschickt hast – ich habe geweint vor Freude. Nur leider hättest Du sie genauso gut in den Mülleimer stecken können, denn ich habe nichts davon verstanden und ich bin überwältigt, Deinen ganzen Krempel vermacht zu bekommen, damit ich ihn – manchmal ist mir doch noch kalt – mit Benzin – aber eher so von innen – übergießen und anzünden kann.
Ich denke, es ist eine gute Idee von Dir, zu fasten und ausschließlich dieses in der Sonne getrocknete Grassamenbrot zu essen. Das macht Dich bestimmt ganz gesprächig und kreativ. Selbsthilfegruppe is good for one – not I.
Du hast schon recht, Du weißt nicht, wie ich das sehe, weil ich gar nicht sehe mit diesem verdammten Plastiksack über dem Kopf. Vielleicht hättest Du in der Schule einfach mal „Hallo“ zu mir sagen können oder irgendwas, ich weiß ja nicht, wie Du das siehst. Aber diese Floskeln bedeuten mir etwas. Nur leider spüre ich nichts. Ich habe kein Gefühl. Muss ich noch üben, dann spiel ich meine Rolle perfekt.
Alle wollen in mein Köpflein gucken. Ich bin nämlich etwas ganz Besonderes. Ich bin so besonders und wichtig, und wenn Du in meine Seele blicken könntest, würdest Du auf der Stelle erblinden von diesem grausamen Anblick (Leere).
Tut mit so leid, wenn ich Deine Gefühle verletze, es liegt schlicht und einfach daran, dass ich sonst keinen kenne, der mich so krass überschätzt hätte, und das sagt etwas über Dich.
Du weißt gar nichts, Du blöder Angeber. Denn in Wirklichkeit bin ich besser als ihr alle, ich zeig‘ es nur nicht so.

Von der neuen, verbesserten

C.

PS: Keine Briefe mehr.

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Illustration: Christian Reinken