Letters Tour God

von Finn Kirchner

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 36, zweites Quartal 2010

Sehr geehrter Herr Ullrich

Geben Sie sich einen Ruck! Gehen Sie in Ihre Garage, nehmen Sie Ihr Rad. Klicken Sie Ihre Pedale ein, treten Sie los. Fahren Sie nach Frankreich, gewinnen Sie die Tour de France. Noch einmal.

Mit freundlichen Grüßen,

Finn Kirchner



Sehr geehrter Herr Kirchner,

Danke für Ihr Vertrauen. Ich hatte sehr schöne und erfolgreiche Jahre im Radsport. Aber wie ich schon oft gesagt habe, diese Zeit ist vorbei. Dieser Entschluss bleibt unverändert. Mein Rennrad ruht auch keineswegs in meiner Garage, täglich fahre ich im Schnitt ca. 70 km durch meine Schweizer Heimat.

Mit freundlichen Grüßen,

Jan Ullrich



Aber Herr Ullrich,

Dann sind Sie ja voll im Training! Ihre Stärke war stets, wie schnell Sie in Form kommen konnten. Wenn Sie das jetzt intensivierten, Aufbautraining auf Mallorca machten, derweil Pevenage Ihnen einen Arbeitgeber suchte; Die Tour wäre absolut drin. Armstrong ist wieder da, Landis und Basso. Henry Maske, der bescheidene Mann aus dem Osten, dem Ruhm immer wichtiger war als Kohle, hatte sein Comeback. Und er gewann es. Schumacher, das zweite Lieblingskind der Neunziger. Claudia Pechstein wurde entlastet, Andreas Türck auch.

Herr Ullrich, die Zeit ist reif! Zeigen Sie den Leuten, dass ein unbegründeter Dopingverdacht nicht das Letzte ist, womit Jan Ullrich Schlagzeilen macht! Armstrong ist angreifbar. Wer zuletzt lacht...

Mit kämpferischen Grüßen,

Finn Kirchner



Sehr geehrter Herr Kirchner,

Bitte lassen sie locker! Wenn Landis, Basso oder mein guter Freund Henry Comebacks wagen, dann finde ich das gut. Ich für meine Person habe aber anders entschieden. Im Übrigen war ich nie unter Dopingverdacht.

Mit Lance habe ich mir viele spannende Duelle geliefert, meist hat er gewonnen, manchmal aber auch ich. Ich habe keine Revanchegedanken in mir.

Mit freundlichen Grüßen,

Jan Ullrich



Lieber Jan,

Erinnere Dich an die Demütigung. An den Blick, den Dir Armstrong verpasste, bevor er Dich in Alpe d‘Huez stehen ließ. Denke daran, wie Du ihn an den Eiern hattest, 2003 in Cap Découverte und nur der Judas Voigt den Triumph zerstörte. Erinnere Dich, wie er dich 2005 im Auftaktzeitfahren überholte, wie er behauptete, Du hättest in Luz Ardiden nicht warten wollen. Denk an all diese Demütigungen. Wie er meinte, Du trainiertest nicht genug. Wie er Dir den kranken Mann vorspielte, um Dich dann anzugreifen. Und wie er Klödi den Sieg stahl.

Jetzt ist die Chance, all dies vergessen zu machen. Mehr noch: Das Blatt zu wenden.


Fahr, Jan, fahr wieder! Mit antitexanischen Grüßen,

Finn



Sehr geehrter Herr Kirchner,

Ich glaube nicht, dass ich mich Ihnen weiter erklären muss. Bitte sehen Sie von weiteren Briefen ab. Leute wie Sie bauen erst den Druck auf, der den Sport zerstört. Solche Überhöhungen schaffen die Bedingungen, die Leute unehrlich agieren lassen. Was nicht heißen soll, dass ich je irgendjemanden betrogen habe.

Jan Ullrich



Ulle,

Mach keinen Scheiß! Red Dich nicht um Kopf und Kragen! Du musst Dich nicht zu irgendwelchen so genannten „Doping“-Sachen äußern. Nicht mir gegenüber, auch sonst nicht.

Sondern FAHR Dich um Kopf und Kragen! Ein Sieger ist immer so groß, wie der Gegner, den er schlägt. Du kannst den Besten besiegen. Mehr noch: Du kannst den Mann schlagen, der mit unfairen Mitteln Dich davon abgehalten hat, der größte Sportler aller Zeiten zu werden. Mach das Schwein nass. Zeige ihm Schmerz. Fahr ihn kaputt, dass er sich selbst die Zähne kaputt beißt wie Hamilton 2002. Dass er sich in die Hosen scheißt wie Greg Lemond oder dass er leidet wie der König des Schmerzes leiden musste: Du. Zeig ihm, wie es ist, wenn man sein absolutes Limit schon am Fuße des Berges hinter sich gelassen hat, weil das Gewicht der persönlichen Grenze zu hoch wog für den Schlussanstieg. Zeige ihm, wie es ist, wenn sich die Qual nicht mehr besiegen lässt. Bringe ihn zu dem Moment, an dem die Natur im Würgegriff des Willens erschlafft.

Fahre Ulle, rotiere, spalte das Meer aus Massen. Dominiere dieses Stadion genannt Frankreich. Nimm das graue, dreitausend Kilometer lange Band unter die Räder und halte das Tempo. Bestehe, bestehe weiter, bestehe, bis die Ersten nicht mehr mithalten können, dann die Nächsten, dann die Besten, irgendwann Armstrong. Hunderttausende Herzen und zwei untrügliche Beine sind mit Dir.

Wir werden uns sehen. In der flirrenden Hitze des Midi und im Spritzwasser der Vogesen, an den kahlen Hängen der Alpen, im Wind der Bretagne und auf den rauen Straßen der Pyrenäen. Ich bin der, der dir zujubelt. Der Dir Mut macht, klatscht, mitläuft und anschiebt, Dir Wasser über den Kopf kippt und Zeitungen reicht. Vor dem Wohnwagen, auf dem Pferd, auf der Bierbank, aus dem Fenster hinaus. Du wirst mich erkennen. Ich bin die Millionen in den Gräben der Landstraßen.

Fahre Ulle, fahre Fahrrad.

Finn



Finn,

JA!

Jan Ullrich
nach Diktat verreist.

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Illustration: Stefan Berendes