Ein Brief an Hartmut

von Frederik Vogel

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erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 36: Briefe

Lieber Hartmut,

Musste heute Morgen lange an Dich denken. Wurde wieder einmal schweißgebadet aus dem Schlaf gerissen.  Ich weiß, ich hab‘ mich länger nicht gemeldet. Man lebt sich auseinander, viel um die Ohren gehabt in letzter Zeit.  Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir uns damals zwischen Recklinghausen und Gelsenkirchen kennen lernten. In Duisburg musste ich leider schon raus, aber Du hast mir damals die schwarze Karte versprochen, weil ich dir die blaue Meute vom Hals gehalten hab‘. Die Verkleidung stand Dir sogar, das war das Witzige. Ich hab‘ Dir den falschen Schnorres und diese Brille geschenkt, und Du wolltest dich revanchieren. Hast Du nie – und das entspricht so gar nicht dem Ethos, den Du deinem Laden damals eingeimpft hast. Ich hab zum Beispiel immer eingelöst.

Damals gab es noch die Raucherabteile, und ich wusste das auch zu schätzen. Du meintest, dass Du es auch irgendwie gemocht hast, aber der Druck, der Druck von oben – hast Du immer gesagt. Ich hab‘ Dir immer die Stange gehalten, als der Schnee kam, als der ICE deshalb nicht kam, als die Idioten von der Gewerkschaft nicht locker gelassen haben, das Screening war schwer zu verkaufen aber irgendwie auch menschlich.

Heute Nacht war ich schon wieder in Hagen. Du weißt, worauf ich hinaus will. Und Du weißt, dass Du mir damals versprochen hast, diesen Schandfleck zu erneuern. Und dass das Metropolis wieder aufmacht, darum wolltest Du Dich auch kümmern.
Hartmut, das Metropolis ist immer noch geschlossen! Und noch schlimmer: Das Schild hängt noch nicht mal mehr.

Wegen einer beschissenen Minute hab‘ ich da schon wieder 46 Minuten verbracht. Kalt und zugig war es. Und die Scheißtauben haben den Laden im Griff, wie damals! Du wolltest mit Klaus darüber reden, und mit Peer, und später mit Jürgen. Ich weiß, Du bist glühender Vertreter des Laisser-faire. Aber auf der einen Seite immer die Peitsche schwingen und dann wo anders munter laufen lassen, das geht nicht, Hartmut.


Hartmut, würd‘ mich freuen bald nochmal von Dir zu hören. Schlürf  ‘ne Auster für mich mit!

Dein Frederik

PS: Ach so, schickst du mir vielleicht die Brille zurück? Bin bald mit dem Studium fertig, mir wird dauernd gesagt, dass ich jetzt auch eine brauche.