Neuland

von Stefan Berendes

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

Der Himmel war so gelb wie der Schlick eines Seegrundes, aber da endete die Vertrautheit auch schon. Das war kein guter Tag. Die Dinge liefen eindeutig aus dem Ruder. Er wollte nach Hause.

Das erste Lebewesen an Land – diesen Augenblick hatte die Evolution wahrscheinlich anders geplant, dachte er bei sich. Als majestätischen Augenblick, in dem ein perfekt angepasster Organismus lässig durch die Brandung pflügen und dann, ohne seinen Schritt zu verlangsamen,  in ein neues Zeitalter schreiten würde. Was er aber nicht wusste war, dass die Evolution im Grunde gar nichts plante. Niemals. Und deshalb war das Ende vom Lied nun: Er hier als Wasserbewohner, buchstäblich auf dem Trockenen. Ohne die passenden Erfahrungen, ohne die passenden Gliedmaßen, möglicherweise auch ohne die passende Lunge – das würde sich noch zeigen.

Dabei war der Tag bis dahin eher ereignislos verlaufen: Business as usual im Ordovizium. Und dann diese dämliche Wette. Was frühen Lungenatmern eben so einfällt, wenn es unter Wasser nicht mehr allzu viel zu tun gibt außer Paarung und Nahrungsaufnahme (dass es an Land auch auf lange Sicht nichts wesentlich Anderes zu tun geben würde, konnte zu diesem Zeitpunkt natürlich keiner wissen).

Jedenfalls hatte der Lungenfisch angefangen, ihn mit dummen Sprüchen zu provozieren. Dahinter steckte wohl irgendein Minderwertigkeitskomplex aufgrund fehlender Gliedmaßen, aber schnell hatte sich die ganze Sache hochgeschaukelt, ein Wort gab das andere, man wurde übermütiger und wollte den Gegner demütigen,  und am Ende rief irgendwer - er konnte sich schon jetzt nicht mehr genau erinnern, wer es gewesen war - den verhängnisvollen Satz: „Ich wette, keiner von Euch traut sich da rauf!“

„Da rauf“, das hieß, an die Wasseroberfläche, und dieser Gedanke war derartig erschütternd, dass danach am Grund des Sees erst mal Stille angesagt gewesen war. Alle hatten wie gebannt nach oben gestarrt, auf  diese allerletzte Grenze, durch die trübe ein paar Lichtstrahlen drangen. Woher das Licht kam, mochte keiner sagen (oder sich auch nur vorstellen). Im Grunde wusste auch keiner, was jenseits der Wasseroberfläche lag. Dass da irgendetwas sein musste, das war auf metaphysischer Ebene allen Beteiligten irgendwie klar, nur waren sie sich nicht sicher, ob sich das Risiko, herauszufinden, worin dieses Irgendetwas nun genau bestand, tatsächlich lohnte.

Also hatten alle betreten auf ihre Flossen oder Tentakel (oder was ihnen die Evolution zu diesem frühen Zeitpunkt sonst noch so an Anhängseln mit auf den Weg gegeben hatte) gestarrt und dann verdruckste Entschuldigungen in ihre Bärte, Mandibeln oder Rüssel (auch hier war die Evolution schon vergleichsweise experimentierfreudig gewesen) genuschelt, warum es gerade bei ihnen zeitlich besonders schlecht aussehe mit dem Vordringen in die Welt jenseits der Wasseroberfläche.

Und dann war etwas Merkwürdiges passiert: Statt in den Chor der Mutlosen einzustimmen und sich auf wichtige Geschäfte wie Nahrungssuche, Paarung oder Eiablage herauszureden, hatte er plötzlich eine neue Empfindung in sich gespürt, eine Wärme, die ihn ganz auszufüllen schien und einen seltsamen Drang zur Veränderung. Also hatte er sich noch ein letztes Mal umgeschaut auf dem Grund des Sees und hatte dann mit einigen kräftigen Schwimmstößen den Weg ans Ende der Welt angetreten. Die anderen hatten ihm noch  nachgerufen, und der Lungenfisch hatte noch einen dummen Witz gemacht, aber das hatte ihn nicht aufhalten können.  Er wollte mehr vom Leben, als der Schlick am Grunde des Sees ihm bieten konnte.

Und nun also dies. Er schaute zurück auf die vertraute, leicht wogende Wasseroberfläche, unter der sein ganzes bisheriges Leben verborgen lag. Wie hätte er vorher wissen sollen, dass sie nicht nur das Ende der Welt markierte, sondern auch den Beginn einer anderen. Aber es war seltsam: Jetzt, wo er es wusste, konnte er sie nicht mehr so sehen wie zuvor.

Es war nun einmal wie es war. Er würde das beste daraus machen müssen. Er fühlte etwas Mächtiges in sich heranreifen,  einen Drang zu handeln, einen Zwang zur Vorwärtsbewegung, den er so noch nie zuvor verspürt hatte. Er würde der Situation angemessen reagieren, er würde sich diese neue Welt untertan machen, er würde alles nehmen, was sie ihm zu bieten hatte. Er war der Meister seines eigenen Schicksals, und der Rest seines Lebens begann genau jetzt!

Er straffte sich - soweit das ohne voll entwickelte Wirbelsäule möglich war - und räusperte sich. Das dabei entstehende Geräusch klang allerdings nicht besonders heroisch und schicksalsschwanger. Es klang, genauer gesagt, in etwa wie „Äfäf!“

Mühselig schleppte er sich landeinwärts in ein neues Erdzeitalter. Schon nach 50 Metern tat ihm alles weh, und er kriegte zu wenig Luft. Irgendwie bezweifelte er, dass die ganze Sache allzu gut ausgehen würde...

Es sah alles nach einem ziemlich beschissenen Anfang aus. 
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