Spiel und Spaß

von Frederik Vogel

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

Neulich war ich noch mal in einem dieser Freizeitparks. Ein Spaß für Jung und Alt. Eher für Jung, obwohl man sich grade in wirtschaftlich schweren Zeiten redlich Mühe gibt, auch Alt eine Portion Spaß zu bereiten. Die Dinger besucht man nicht, ohne gewisse Standards zu wahren. Ohne Bollerwagen hat man nichts zu melden. Softdrinks, Süßkram und in aller Herrgottsfrühe vorgeschmierte Bütterchen gehören zum Basispaket, ohne kommt man vermutlich nicht mal mehr rein in die bunte Erlebnishölle.

Der Trek setzt sich zu unchristlicher Zeit in Bewegung, 35 € Eintritt lohnen sich nämlich nur, wenn man die vollen 12 Stunden auskosten kann. An der Pforte gibt’s direkt die erste Drängelei, ich sehe es als ein Warm-Up für die bevorstehenden Schlangen vor der Holzachterbahn (Eurasiens Größte!). Da wollen alle rein, den Park verlässt man nicht, ohne auf diesem Teil gefahren zu sein. Das schickt sich nicht.

Ich lasse es ruhig angehen, links kann man Enten angeln – das will ich gerne noch mal machen. Gewinne einen medizinballgroßen Crazy Frog. Schönen Dank, wie viel es da wohl bei E-bay für gibt? Erster Unmut macht sich unter den älteren Besuchern breit, die Megaphone aus den Dickichten der Begrünungsanlagen trichtern uns ein, dass die Elvis-Show auf der Waldbühne erstmal aus dem Tagesprogramm gestrichen wurde. Schade drum, der Imitator wurde als der „Beste Europas“ angekündigt.

Ich stelle mich beim „Freien Fall“ an, man wartet 30 Minuten. Das scheint mir legitim, ich rede mir ein, dass ich mich im Qualifying für die Holzachterbahn befinde.
32 Minuten später muss ich mich ziemlich beeilen, irgendwie will die Leberwurstschnitte wieder raus. Nach kurzer Zeit habe ich mich aber wieder gefangen, die Holzachterbahn muss noch warten, der riesige See mit der Piratenwelt reizt mich zur Zeit noch am ehesten, am Ende eines Nebenwegs entdecke ich einen Stand der Gesellschaft zur Förderung deutscher Literatur. Sie haben einen Goethe dabei, der Alt, vermutlich aber vor allem Jung für Vers und Prosa begeistern soll. Ein bierbäuchiger Familienvater in Muskelshirt registriert den Überraschungsgast und beantwortet die Frage seiner Gaby, wer denn das sei, knapp mit: „wer soll das schon sein? Einstein natürlich!“

Was schon in der Schule nicht zieht, klappt zwischen Westernstadt und Rio-Grande-Wildwasserbahn erst recht nicht. Mitleidig wende ich mich ab, ich wollte ja zu den Piraten.


Originalgetreu haben sie das Areal gestaltet, wobei sich mir die Frage stellt, was in diesem Zusammenhang „original“ ist. Sie sehen zumindest aus wie bei Asterix. Die Show ist pyrotechnisch auf dem aktuellen Stand, ich glaube allerdings, dass das Schiff auf Schienen fährt,.Das trübt die Piratenfreude etwas, wie ich finde.

Die Parkleitung ist besonders stolz, uns ihren neuesten Themenbereich vorzustellen. Seit längerem versuchen sie, markante architektonische Meisterwerke aus aller Welt detailgetreu nachzubilden (Stichwort: Alt). Die verbotene Stadt gibt es schon, in Planung ist New Orleans, jetzt wird aber erstmal Venedig eröffnet. Chapeau! Alles ist, wie ich es mir vorstelle. Kann ich also abhaken auf der Liste der Städte, die ich gerne mal besuchen möchte.

Vor der Holzachterbahn steht ein Schild, das eine Wartezeit von 2,5 Stunden ankündigt. Da warte ich lieber noch ein bisschen und gucke mich weiter um. Ein Tor zum Backstagebereich des Parks steht offen, ich schleiche mich herein und spioniere ein wenig herum. Hinter den Kulissen sieht es aus wie in Teilen der Bronx in Mafia-Filmen. Es dauert aber auch keine zehn Minuten, bis mich ein bärtiger Mechaniker im Hausmeisterblaumann darauf hinweist, dass ich mich im „nicht-öffentlichen Teil“ des Parks befinde. Ich gehe wieder zurück zu den gut gelaunten Familien.

Leider sind es noch vier Stunden bis der Park schließt, also suche ich mir eine mehr oder weniger ruhige Ecke und lege mich hin. Jetzt ein Nickerchen tät gut. Hoffentlich verarbeite ich den ganzen Mist nicht sofort im Traum…

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