Hoppipolla

von Kalle Kalbhenn

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

In der Air France-Maschine von Montevideo nach Buenos Aires beschloss Schulze, nur noch Elektrofunk aus Beirut zu hören. Er hatte gelesen, dass Beirut gerade total boomt und dass besonders die Musikszene ganz phantastisch ist. Zu diesem Zeitpunkt wusste Schulze weder, wie er an Elektrofunk aus Beirut kommen sollte, noch, warum er nach Buenos Aires flog. Letzteres würde sich vor Ort ergeben. Das mit dem Elektrofunk vielleicht auch. Nach diesem Prinzip pflegte Schulze zu reisen.

Der Flug verlief ruhig, die Flughöhe interessierte niemanden, nur den Piloten, und der war gerade eingeschlafen. Schulze blätterte gelangweilt im Bordmagazin, irgendwann kam die Stewardess an seinen Platz und wollte wissen, was er trinken möchte. Eine Frage, die Schulze nicht aus dem Stehgreif beantworten konnte. Um Zeit zu gewinnen, erkundigte er sich nach der Auswahl alkoholischer Getränke. Dass er Alkohol trinken würde, war sicher, wusste er doch seit dem Flug von Valletta nach Moskau, bei dem er neben einem ukrainischen Theaterregisseur gesessen hatte, das angenehme Gefühl zu schätzen, stark alkoholisiert in einer völlig fremden Stadt anzukommen. Das Gefühl, wenig später in der Hauptrolle einer Neuinterpretation von Dantes Göttlicher Komödie auf der Bühne des Staatstheaters zu stehen, in einer Sprache, die er nicht verstand, war eine andere, davon unabhängige Frage. Er bestellte das mexikanische Bier Corona und dazu einen Makers Mark, einen charakterstarken Bourbon, den er einmal an der amerikanischen Ostküste getrunken hatte.

Schulze blätterte also im Bordmagazin und trank dazu das amerikanisch/mexikanische Herrengedeck, als er über einen Artikel stolperte, der die Attraktivität des Reiselandes Schweden thematisierte. In Schweden hatte seine Reise vor über dreißig Jahren begonnen:

Schulze las Anfang der 1970er einen Satz von Thomas Bernhard: „Im deutschsprachigen Raum, also in Deutschland, ist es furchtbar. Die Schweiz ist das aller ärgste, dort möchte ich nicht angemalt sein. Das Ideale ist weit weg, weit weg und in einem Hotel.“ Schulze fand den Bernhard-Satz ziemlich gut, er packte seine Sachen und begann eine Reise, auf der er sich noch heute befindet. Seine erste Station führte ihn in die mittelschwedische Universitätsstadt Uppsala. Er begann das Studium der Bildhauerei, denn wie sagt ein alter Satz: Skulpturen sind die besten Freunde des Menschen in der Not.

Wie von Thomas Bernhard empfohlen, wohnte Schulze in einem kleinen Hotel, dass er sich eigentlich nicht leisten konnte, deshalb immer sagte, er würde die Miete im nächsten Monat zahlen, was er dann nie tat. Schulze machte sich schnell einen Namen, die Leute sprachen ehrfürchtig von Schulzes Skulpturen, die von höchster Detailverliebtheit waren, doch so sehr sich Museen und Sammler auch bemühten, bis zum heutigen Tage konnte niemand eine Skulptur aus den Händen von Schulze akquirieren. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine Skulptur von Schulze anzusehen, denn zu Schulzes Verständnis von Kunst gehörte, damals wie heute, dass das Werk den Künstler nicht überdauern darf. Irgendwann, so sagte er immer, würde sowieso alles kaputt gehen; Städte, Bücher, vielleicht die Erde und mit ihr die Menschen, aber auf jeden Fall Häuser, Bilder und eben auch Skulpturen. Diesen Kreislauf wolle er selber schließen, das würde zu seiner Aufgabe als Künstler gehören, das könne er keinem anderen überlassen, auch nicht der Natur oder dem Fluss der Zeit. Diese Philosophie, die  in letzter Konsequenz die Selbsttötung beinhaltete, hatte zur Folge, dass Schulze tagelang regungslos vor seinen Skulpturen saß und sein Werk betrachtete. Dabei überlegte er, wie er es wieder kaputt machen könnte. Schulze lud in regelmäßigen Abständen dazu ein, seinen Zerstörungszeremonien beizuwohnen. Anfangs kamen nur die engsten Freunde und sein Psychologe, irgendwann kamen die Zuschauer auch aus Stockholm und Göteborg angereist. Manchmal wurde Schulzes Zerstörungswut von einem Sinfonieorchester begleitet. Manchmal saß Ingmar Bergman im Publikum.Sie alle wollten sehen, wie Schulze seine Skulpturen kaputt machte, wie er sie zerhaute, zerstückelte, zerbröselte, sie zerlegte, zerschredderte, zersägte, sie zerschmetterte, zerhackte, wie er den Kreislauf schloss.

Schulze hatte lange nicht mehr an diese Zeit gedacht. Vieles war in der Zwischenzeit passiert, aber diese Erinnerungen machten ihn glücklich, und Schulze bekam eine Ahnung davon, was er in Buenos Aires tun würde. Er legte das Bordmagazin beiseite und orderte ein Hefeweizen, ein Getränk, dessen Primitivität er nur in einer Air France Maschine zu ertragen im Stande war. Noch vor dem Landeanflug würde er sich übergeben müssen. Wie damals im Indischen Finanzministerium.
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