Scheinpenisneid

von Judith Kantner

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

Die Auswüchse der „gender studies“ haben oftmals einen unfreiwilligen Humor.

Als Beispiel betrachten wir eine Studie über Tüpfelhyänen (crocuta crocuta) im Serengeti-Park. Denn bei den Hyänen regieren die Frauen! Allerdings sehen sie aus wie Männer, sind brutal und tragen einen „Scheinpenis“ - eine stark vergrößerte Klitoris, die aus dem Körper ragt. Der Scheinpenis verhindert durch seine Position, dass Männchen sich ohne das Einverständnis der Partnerin paaren können. Das macht die Männlichkeit mürbe und raubt den Hyänenherren ihre im Naturell verankerte, einzige Gabe: ruppig aufzutreten.

Annäherungsversuche unter Hyänen kann man sich vorstellen wie bei Hunden. Sie beschnüffeln sich und lecken einander. Aggressive Männchen dagegen nähern sich den Weibchen, indem sie sie anspringen und nach ihnen schnappen.

Die besagte Studie zeigte: Keinem der extrem aggressiven Männchen gelang es, Nachwuchs zu zeugen. Weibliche Hyänen schicken unliebsame Verehrer in die Wüste. Ganz anders dagegen bei den freundlichen und bevorzugt jungen Männchen. Fazit: Hyänen-Weiber stehen auf Softies und nicht auf Machos und geben den Ton im Rudel an. Meine Lieblingsregel aus der Hyänenwelt zum Schluss: Das ranghöchste Männchen ist dem rangniedrigsten Weibchen nachgeordnet.

Soweit so gut. Wäre ich jetzt eine Feministin würde ich sagen, jo Männer, seht an, seht an: Bei den Hyänen ist die Welt noch in Ordnung. Außerdem würde ich an totalem Scheinpenisneid jämmerlich zugrunde gehen. Ich finde jedoch, dass wir den weiblichen Tüpfelhyänen einiges voraus haben.

Hyänen geben ganz schreckliche kreischende Laute von sich. Das können wir Frauen aber auch. Bevorzugt dann, wenn wir unter uns sind. Dann sitzen wir mit Prosecco auf der Couch, gucken „Men in Trees“ und das ganze Wohnzimmer ist übersäht mit Kleiderbergen. Wenn es uns schlecht geht, weil uns beispielsweise das männliche Geschlecht in irgendeiner Weise wurmt, prahlen wir nicht mit unserem Scheinpenis, sondern begeben uns erstmal auf eine ausgiebige Shoppingtour. Als taktisch klug erweist sich der Schlussverkauf in einen der umliegenden Outlet-Stores. Da können wir uns mit den Geschlechtsgenossinnen brutalst um unsere Beute streiten. Wenn man dann nachmittags erhobenen Hauptes das Outlet verlässt und einen letzten Blick über das hysterieumwogte Schlachtfeld  streifen lässt, weiß man sein Tagwerk noch mehr zu schätzen.

Wieder Zuhause angekommen, beglückwünschen wir uns stolz zu unseren Schnäppchentrophäen, schlüpfen in die besten Fummel und tigern - eine Flasche Prosecco später - in einen netten Tanzladen, um unsere Beute zur Schau zu stellen. Tut mir leid, liebe Tüpfelhyänen, aber wir sind einfach more sexy als ihr grauen, sabbernden Viecher. Da verzichten wir auch gern auf euren Scheinpenis.

In Sachen Männerwahl stimme ich geschmacklich den Tüpfelhyänen weitestgehend zu. Wir stehen auf Softies und nicht auf Machos. Wer steht schon auf ruppige Idioten? Wir lassen uns zwar erst gern machomäßig umgarnen, aber selbst die größten Machos entpuppen sich doch früher oder später als ziemlich soft. Wenn sie ganz blass beim Anblick einer Spinne werden. Wenn sie sich beim Fußball verletzt haben und den restlichen Tag ganz viel herumjammern, bekocht und umsorgt werden wollen. Wenn sie mit großen leuchtenden Augen auf Mamas selbst gemachtes Hühnerfrikassee oder Gulasch aus der Tupperdose blicken. Solange sie im Schnitt nicht mehr heulen als wir (das gilt auch, wenn der Lieblingsverein absteigt!), ist aber alles paletti. Eine Prise Machosein gehört eben dazu. Romeo ist tot. Hey Süße, komm in meine Arme.

Ein letzter Punkt: Die stilvolle Abfuhr. Weibliche Hyänen schicken ihre unliebsamen Aggro-Verehrer in die Wüste – und zwar wortwörtlich. Sie müssen nämlich das Rudel auf Nimmerwiedersehen verlassen. Bei uns ist es ähnlich: Gelegentlich heißt es schlicht „Und tschüs!“ und damit ist dann glasklar, dass der Typ nur noch bei meiner Clique vor der Tür zu stehen braucht, wenn er eine gelbe Uniform am Leib und einen Stapel Ebay-Pakete unterm Arm trägt.

Offen gestanden schicke ich meinen lieben Freund jedoch auch regelmäßig in die „Wüste“. Jeden Sonntagabend um 20 Uhr. Dann muss er mit knuspriger Pizza (von Arnaldo) in Osnabrücks geilstem Stadtteil vor meiner Haustür stehen und mit mir kuschelnd auf dem Sofa meinen Lieblingskrimi gucken.
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