Ich sehe was, was Du nicht siehst...

von Penelope Proust

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 34, viertes Quartal 2009

....sagt der Kunstkenner zum Kulturbanausen: „Das vorliegende Bild lässt sich stilistisch eindeutig dem Jahr 2009 zuordnen. Man erkennt deutliche Tendenzen einer Melange von Bauhaus- und Impressionismus-Stilelementen, betrachtet man die gerade Formation oberhalb des Kopfes und die Punktuierung der Augenpartie. Hier wird offensichtlich auf die widerspenstigen Wesenszüge der Zeit des Bildes angespielt, der Konflikt zwischen Emotionalität und Rationalität steht eindeutig im Vordergrund. Das zentrale Thema der Frau mit der Flasche problematisiert zunächst den femininen Alkoholismus, der besonders  stark mit dem Konsum von Musik im Zusammenhang steht, die als blutrünstig und destruktiv eingestuft werden kann. Hinweise darauf geben die Kassettenelemente an der Halspartie und die tropfenartigen Formate am Haupt der zentralen Figur. Der leere Blick der Hauptperson, die durchtrennte, kabelartige Schnur, die die Teile der ‚rationalen‘ Kopfpartie miteinander verbindet, problematisiert den inneren Konflikt des alkoholkonsumierenden Mädchens: saufen oder nicht? Die Zunge im oberen Drittel des Bildes verdeutlicht den stärker imperativen Charakter des Ölgemäldes und appelliert an den ‚Rolling Stone‘ im Betrachter. Der Verfasser bezieht mit gleich zwei Attributen zum Alkoholismus unter Frauen deutlich Stellung. Die Zunge im Zusammenhang mit dem aus einer Kiste springendem Spielzeug erinnert den Leser daran, wie viel Freude Alkoholkonsum für den menschlichen Blutkreislauf bereithält. Abgerundet und in seiner Deutlichkeit verstärkt wird diese tiefenpsychologische Betrachtungsweise durch den hier nicht dargestellten Titel des Bildes „Prost“.


…sagt der  Religiöse zum Ungläubigen: „Dargestellt ist Maria bei ihrer ersten religiösen Erfahrung. Ihr Kopf ist ganz durcheinander, die Synapsen durchtrennt, alles schwirrt durcheinander, sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Irgendwo aus der Ferne bemerkt sie einen göttlichen Ursprung in ihrem Körper, da schau, siehst du nicht ganz oben rechts den Quell ihres Glücks! Und als sie Gott schaut, versagen die Maschinen, die sie vorher wie ein Automat durchs Leben geleitet haben. Betrachte nur die Kassette, aus der das Band herausquillt! Und da sie von dieser Erfahrung erstaunt, aber auch, im wahrsten Sinne des Wortes, be-geistert ist, erfährt ihre Lippe ein Taubheitsgefühl, das nur durch höhere Mächte erklärbar ist. Hinweise auf den göttlichen Charakter des Bildes gibt auch die Zunge, die in ihren Kopf eindringt. Wie die Pfingsterfahrung der Jünger, bei denen der heilige Geist in Zungen auf sie herabfiel, erscheint auch hier wieder das Motiv der Erkenntnis. Die Bluttropfen erinnern an den weniger friedlichen Teil der Heilsgnade, ganz unblutig ging es ja nun niemals zu bei diesen Offenbarungen, was?! Ach ja, und das kleine Detail im unteren Bereich des Gemäldes, die Flasche in der Hand der Maria, so mutmaßen Kunstkenner, wurde nachträglich von einem Ketzer hinzugefügt. Dafür spricht auch der Titel des aus der evangelikalen Kirche Amerikas stammenden Bildes „Holy Stuff“.


…sagt der Politische/die Politische zum/zur NichtwählerIn: Das Bild veranschaulicht die Problematik des Politischen in Wahlkampfzeiten. Auf der einen Seite, dargestellt durch die Rechtecke im Kopf der HauptpersonIn  und die abstrakte Andeutung von kühler Rationalität, Taktik und Strategie, zeigt es die theoretische Regelmäßigkeiten und Strukturiertheit des politischen Wandels, die durch die wirren, unregelmäßig angeordneten Formen und Zeichen im anderen Teil des Kopfes kontrastiert werden. Die emotionale Wahlkampfschlacht, dargestellt durch diesen Teil, besonders auch durch die Blutstropfen, will  die existentiell und moralisch fragwürdigen Ebenen des Politischen darstellen. Die Zunge im ‚konfusen‘ Teil des  Bildes repräsentiert die allgemeine „Leck mich am Arsch“-Haltung der (Nicht-/Falsch-)WählerInnen, die sich weder  um die Rationalität des Politischen (linke Bildseite) noch um die Kontextbedingungen (Flasche und Ornamente im Hintergrund) kümmern, und  ausschließlich mit dem Spaß (dargestellt durch die Sprungfeder) in der Kiste hocken.  Der Künstler galt als apolitisch und monarchisch veranlagt, das Bild mit dem Titel „Arschlecken im Wahlkampfdschungel“ wurde zu Zeiten der französischen Revolution auf den Index gesetzt.


…sagt der Prolet zu sich selbst: „Wat soll da schon zu sehen sein? Da hat sich ‘n Mädel ‘ne kaputte Flasche in die Fresse gehauen und dreht jetzt am Rad.“
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