Tiere Intro

von Anna Groß

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erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, 2. Quartal 2009

„Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat, - als das wahnwitzige Tier, als das lachende Tier, als das weinende Tier, als das unglückselige Tier.“


Nietzsche vergaß die Attribute, die den Menschen wirklich auszeichnen. Denn dabei handelt es sich nicht um das Lachen und das Weinen. Lachen tun auch Möwen und Affen. Obwohl der Mensch ihnen von jeher fehlenden Humor unterstellt und behauptet, sie lachten ja gar nicht wirklich, sondern es klänge eben nur so ähnlich wie Lachen. Nun, würde der Affe sagen, das Problem ist nicht, dass wir keinen Spaß verstehen, sondern dass ihr nicht lustig seid. Die Affen sagen dies schon die ganze Zeit, nicht erst seit wir Grimassen schneidend, filmend und fotografierend vor ihren Wohnzimmerfenstern herumhüpfen - nur, dass wir sie eben nicht verstehen. Und die Tränen, die Kamele in der mongolischen Steppe vergießen, bevor sie das erste Mal geschoren werden, sind keine Tränen der Trauer. Es sind Spiegelungen unserer menschlichen Gefühlswelt und auf einen rein biologisch zu erklärenden Mechanismus zurückzuführen, denn  Kamele weinen nicht, weil ihnen das Fell geschoren wird, und es tut ihnen auch nicht weh. Sie sind Kamele.

Aber schaltet man weiter im Fernsehprogramm von der wilden Steppe der Mongolei zum Umfrisieren in Heidi Klums Pygmalion’schen Frisiersalon, traut man seinen Augen kaum: Menschen weinen, weil ihnen die Haare geschnitten werden. Ist der Mensch vielleicht ein Kamel, oder ist ein Kamel tatsächlich ein Topmodel, oder sind es nur die Spiegelungen der menschlichen Gefühlswelt auf einen rein biologisch zu erklärenden Mechanismus?

Der Mensch ist auch nicht wahnwitziger und unglückseliger als seine lebendigen Zeitgenossen. Wobei er zu nicht geringem Maße dazu beiträgt, den Wahnwitz und die Unglückseligkeit seiner eigenen Existenz epidemisch auf alle Lebensformen, die sich in seiner Umgebung aufhalten zu übertragen, nicht nur indem er ihnen die Haare schneidet.
Der Mensch ist das sinnlose - das ahnungslose Tier.

Warum denken viele Menschen häufig von Erfahrungen, die ihnen selbst Leid und Unwohlsein bereitet haben, im Nachhinein, es habe ihnen gut getan? Oder Erfahrungen und Geschehnisse aus der Vergangenheit, die anderen Menschen Leid zugefügt haben, hätten doch eigentlich niemanden geschadet, nein, sie seien tatsächlich sogar zum Nutzen aller gewesen und sollten doch so beibehalten werden.

Sie sind nicht wie Elefanten, die sich ja zumindest erinnern können, was ihnen im Laufe ihres Lebens widerfahren ist. Nein, sie sind ja auch nicht im Kreis gegangen wie die Elefanten,  sondern sie haben irgendwo auf dem Weg die Kurve nicht gekriegt und sind stattdessen geradeaus weiter gegangen. In diese Richtung gehen sie nun immer weiter, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Aber sie vergessen und verdrehen immer alles und denken, ach, es hat uns doch letztendlich nicht geschadet.
Bunte Roboter von der Sonne beobachten das teilweise sinnlos, teilweise undurchdacht anmutende Verhalten der Tiere auf der Erde und fassen abschließend zusammen:
Als die ahnungslosen Tiere den Wald verließen, um sich auf zwei Beinen bewegen zu können, ohne andauernd gegen Äste zu stoßen, bogen sie falsch ab und ließen sich auch durch die notdürftig errichteten Barrikaden weder dazu bewegen anzuhalten, geschweige denn dazu umzukehren.

PS: Wir vermuten, sie glauben, es wüchse alles wieder nach.