Fuchs muss tun, was Fuchs tun muss

von Frederik Vogel und Kalle Kalbhenn

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, 2. Quartal 2009

Drei Berichte aus den urbanen Zentren der Republik: Die natürlichen Grenzen der Lebensräume scheinen zu fallen. Zur See, in der Luft, am Land und in der Kneipe.


Schwabinger 7, München
Die Beobachtungen, die der unbescholtene Bürger Landwehr tätigte, werden bis auf weiteres in den Asservatenkammern der Polizeiinspektion von München verschwinden. Landwehr gab zu Protokoll, er habe eine Gruppe Tiere gesehen, die in einem verrauchten Hinterzimmer der Gaststätte Schwabinger 7 an einem runden Tisch aus Kirschenholz saß und pokerte. Das Zimmer sei nur für Stammgäste und Mitglieder des Raucherclubs, dessen Mitglied er seit einigen Wochen sei. An dem runden Tisch aus Kirschholz saßen, ein Schäferhund, ein Braunbär, ein Delphin sowie der frühere bayerische Ministerpräsident Stoiber. Landwehr dachte, das könne jetzt alles nicht wahr sein, aber als er von der Toilette wiederkam, saß die Gruppe immer noch und spielte Poker. Der Schäferhund und Edmund Stoiber trugen Sonnenbrillen der Firma Ray-Ban und zwar solche, die schon in den 70ern en vogue waren und nun auf den Gesichtern von Rockstars wieder populär wurden. Der Raum war dunkel und verraucht, die Lampe hing tief, und der unbescholtene Bürger Landwehr fing an zu glauben, was er sah. Um seine Neugier zu stillen, sowie die Szenerie im Auge zu behalten, fing er an, in der anderen Ecke des Hinterzimmers zu darten. Er war noch nie gut in dieser Kneipendisziplin, Billard und Bingo waren eher seins. Aus den hängenden Lautsprechern schwappte beschissene Musik, zum Beispiel von Depeche Mode, dann traf der Bürger Landwehr zum ersten Mal das Bulls Eye und löste damit eine elektronische Fanfare aus, woraufhin die Pokerrunde kurz von ihren Karten aufschaute. Der Delphin nickte anerkennend, dann spielten sie weiter.

Derweil schrieb im Eingangsbereich des verrauchten Hinterzimmers Patrick Süßkind weiterhin in sein Moleskin-Notizheft mit kariertem Papier. Der Dichter sitzt seit nunmehr zwanzig Jahren unentdeckt in dieser Schwabinger Kneipe, feierte dort auch gerade seinen sechzigsten Geburtstag und hat dort seine Ruhe, während in den Feuilletons weiterhin über seinen Aufenthaltsort spekuliert wird. Nur manchmal erhebt sich der ebenfalls in sein Moleskin-Notizheft mit liniertem Papier schreibende Rainald Goetz von seinem Platz, tritt an den Tisch von Patrick Süßkind heran und will wissen, wie man Bücher schreibt, die dann auch gelesen werden. Als Landwehr das Bulls Eye traf, blickten beide nicht von ihren Moleskin-Notizbüchern auf.
Erst jetzt fiel dem Bürger Landwehr auf, dass die Pokerspieler schwer bewaffnet waren. Bei den Mitgliedern der Gruppe blitzten diverse Schusswaffen unterhalb des Tisches auf. Dann bemerkte Landwehr, dass die Tiere Stadtpläne und Grundrisse von Häusern hin und her schoben. Es sollte den Anschein haben, dass sie pokerten, in Wirklichkeit planten sie aber ein Verbrechen, so kombinierte der Bürger Landwehr und trug diese Beobachtungen dem diensthabenden Wachtmeister vor.
Der Bürger Landwehr sitzt seit nunmehr anderthalb Wochen in einer Nervenheilanstalt. Er schaut aus dem kleinen Fenster seiner Einzelzelle und denkt über das Gesehene nach. Am meisten interessierte ihn, was Patrick Süßkind in seine Moleskin-Notizbücher mit kariertem Papier schreibt.


Landwehrkanal, Berlin
Die Situation kam mir bekannt vor, eine Szene wie aus dem Kapitel „Sprechende Tiere“ im großen Lehrbuch der Kinderfilme. Ich saß am Landwehrkanal, brennende Sonne, wie zu besten Ozonloch-Tagen. Und dieser Egon hatte sich mit seinen Kumpanen zu mir gesetzt. Ich war total perplex, vor allem als er seinen Vortrag über das Leben im 21. Jahrhundert mit dieser Kampfansage an die Menschheit beendet hatte. „Wir haben es satt. Gejagt, vertrieben, denunziert. Wir werden alles mobilisieren was zwei oder mehr Beine hat, wir werden zurückschlagen und die Ketten der Tyrannei sprengen.“ Saurer Regen, der Boden gebe nichts mehr her, kaum was zu futtern, die Luft werde von Jahr zu Jahr schlechter. Und dagegen würden sie jetzt vorgehen. Die Wildschweine wären auch schon dabei, Kommando städtische Verwüstung.

Schon seit längerem sieht man sie durch die Straßen Berlins ziehen, Füchse und/oder Wildschweine. Die einen eher lautlos, flink, auskundschaftend. Die anderen brachial und rücksichtslos. Die legen es drauf an. „Im Kampf gegen Hunger und euren Müll in unseren Räumen werden nun andere Saiten aufgezogen. Wir ziehen alle Register. Macht kaputt, was euch kaputt macht, oder was hat der eine Typ von euch damals gesungen?!“ Rio Reiser, dachte ich - alles klar. Die Füchse sind also grade in ihren 68ern, wollen sich vom Obrigkeitsdenken des Menschen gegenüber dem Tier lösen.
Neulich war wieder eine deutsche Scholle umgegraben worden, diesmal aber nicht in den Vororten, diesmal mitten in Neukölln. Von einem Bekannten hatte ich schon öfters Klagen gehört. Der sitzt im Grünflächenamt, Abteilung Sauereien. Dass die Stadt mit einer Spezialeinheit gegen die neuerlichen Raufbolde vorgeht, war für diesen gewitzten Fuchs Egon natürlich nichts Neues.
Sie hätten die Tauben auch schon im Boot, quasi als Luftwaffe. Die wären sowieso ziemlich angefressen, seitdem sie nicht mehr am Alex rumhängen dürften und würden jetzt auch mächtig Bambule machen. „Wir haben die Jungs speziell auf die Karren vom Ordnungsamt und den Bullen angesetzt. Und mit ihnen haben wir natürlich ein perfektes Frühwarnsystem wenn der Feind naht! Nächste Woche kommt ein Geschwader aus London zum Praktikum. Die lernen wir an, die wollen da auch aus allen Rohren zurückfeuern.“
„Kollege, wir müssen weiter“ raunte er mir zu, als ich ihm grade im Gegenzug für unbefleckten Lack absolute Verschwiegenheit & Loyalität für seine Aktionen zusichern wollte, „Müssen rüber ins Wedding, informelles Gespräch mit den Waschbären. Wehe du redest, wir haben dich im Auge“ Schnell verschwanden die Jungs in Richtung Mitte, und 10 cm neben meiner Tasche schlug eine Ladung Taubenschiss ein. Ich vermute, Autos und Schrebergärten haben in Berlin langfristig keine Zukunft mehr.


Flächenland Ostwestfalen-Lippe
Hauptkommissar Körte war ratlos. Nun saßen die Tatverdächtigen seit geschlagenen drei Tagen in U-Haft und die Vernehmung gestaltete sich schwierig. Die Tatverdächtigen schwiegen zu den Vorwürfen, die letzten Einzelheiten konnten nicht geklärt werden. Über Monate hatten so genannte Spezialisten die Dreierbande nach allen Regeln der Kunst ausgeleuchtet, bis die Haftrichter grünes Licht für den Zugriff gaben. Dem SOKO Flächenlandgorillas war bekannt, dass die Dreiergruppe samstags in den Stadien der 1. und 2. Fußballbundesliga anzutreffen sein würde, und so erfolgte der Zugriff in der 80. Spielminute unter Verwendung von Hubschraubern und Leuchtgranaten. Während die Worte des Stadionsprechers, dass das Abbrennen von Leuchtkörpern im Auswärtsblock aus Sicherheitsgründen doch bitte zu unterlassen sei, im weiten Rund von Paderborn verhallten, hob der Hubschrauber mit der Dreierbande an Bord schon wieder ab. Nur langsam senkte sich der Nebel. Der jüngste der drei Attentäter konnte zwar erst fliehen und sich in einer ostwestfälischen Kaisereiche verstecken, wurde aber schnell aus dem fliegenden Gerät mit einer satten Ladung Betäubungspfeile eingedeckt und war ebenfalls reif zum Abtransport.
Hauptkommissar Körten war ratlos. Noch nie war eine Beschattungsaktion mit einem solchen Aufwand ausgeführt worden. Körte träumte schon von den Lobeshymnen in den überregionalen Qualitätszeitungen und der Beförderung, die abgestempelt sein würde, noch während er Tom Buhrow das erste Interview gegeben hätte. Nur müssten dazu die Affen endlich reden. Die jetzige Beweislage wäre für eine Anklage zu dünn, die Verteidigung würde das mühsam aufgebaute Kartenhaus der Staatsanwaltschaft mühelos umpusten, aber die Drei schwiegen.

Die Überraschung war groß genug, dass drei Gorillas hinter dem größten bisher geplanten Sprengstoffattentat stehen sollten. Bis zuletzt wollte es niemand im Team wahrhaben, dass man drei Flachlandgorillas beschattete, doch irgendwann war es Gewissheit, dass es drei Hochlandgorillas waren.

Hauptkommissar Körte war ratlos. Warum wollten die Cross-River-Gorillas bloß die gesamte Kanalisation von Bielefeld und Gütersloh in die Luft jagen?

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Illustration: Mia Hague