Der Torero

von Lorenz Just

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, 2. Quartal 2009

Zu Besuch in Valencia. Eine halbe Stunde lang liege ich im Park, dösend in der Sonne auf einer Bank, unter dem Kopf die Tageszeitung. Schritte auf dem Kiesweg wecken mich. Ich richte mich auf, blinzle, lege die Hand über die Augen, doch bleibe geblendet. Der Torero kommt auf mich zu. Ich sehe die goldbestickte Jacke, die engen ebenfalls bestickten Kniehosen und verstaubten Halbschuhe, schwarze Haare, die außerordentlich glänzen; rieche Pomade, als er auf der Bank neben mir Platz nimmt.
Er blickt zur Sonne, sein Kopf sitzt hoch oben auf seinem geraden Rücken, die Hände hat er auf den Oberschenkeln abgelegt, seine gespreizten Finger umfassen die Knie.
„Ich hab‘ auch schon Stiere getötet!“ sage ich leise, nur ein Geräusch, vor mich hin gedacht. Er sagt: „Früher haben wir keine Stiere getötet, nur selten eine Kuh.“ Ich nicke und beuge mich zu ihm, um mit der Hand auf seine Schulter zu klopfen. Seine Augen starren mich an. Dunkel, Schwarz. Ölige Strähnen fallen in die Stirn, er schiebt sie zurück; kehrt sich wieder zur Sonne.
Ein Wind weht von der Seite. In seinem Gesicht keine Bewegung, geschlossene Augen, lange Wimpern. Er bläst durch die Nase. Tiefe Atemzüge. Dann: Die Brust hebt sich, bäumt sich auf, die Hände auch, alles fällt in einem Ruck zurück. Es klatscht. Ich zucke zusammen. Seine Stimme aus dem Schatten über mir: „Ich muss los!“ Seine Finger kämmen die Haare wieder über den Kopf. „Wohin?“ Er blickt zu mir herunter, verwundert: „In die Arena.“ Augenblicke vergehen. „Ich komme mit.“ Jetzt nickt er, die Mundwinkel herunter ziehend. Einverstanden. Ich stecke die Zeitung, die ich wohl nicht mehr lesen werde, in meine Jackentasche, stehe auf, nehme noch meine Wasserflasche in die Hand und halte sie ihm entgegen. Er kippt die Flasche über dem offenen Mund, bis das Wasser einen Moment fließt, setzt wieder ab. Die Flasche wieder in der Hand gehen wir los, er vor mir, einen Schritt.
Die Hände schwingen beim Gehen, meine sind in den Hosentaschen. Der Kies knirscht. Wir sind nicht schnell, eher gemächlich. Verlassen, die Treppen hinauf, den Park, der sich in einem ausgetrockneten Flussbett durch die Stadt windet.
Er biegt nicht ein in die Calle de Christobal Colon, sondern kreuzt durch die kleineren Straßen der Altstadt. Einige Entgegenkommende heben die Hand, senken ihn grüßend den Kopf. Erwidert er einen Gruß, bewegt er den Kopf seitlich nach unten, bestimmt schließt er dabei seine Augen. Manchen winkt er auch zurück. In seiner Stierkampftracht fällt er auf, in Valencia erkennt man ihn aber auch ohne sie.
Über die Schulter hinweg beobachtet er wenige Sekunden, wie ich hinter ihm laufe, seinen goldbestickten Rücken im Blick, die Gasse, die Passanten, Abendsonne. Mit beiden Augen zwinkere ich ihm zu. Wir gehen noch ein Stück. Bald halten wir vor einer Tür in einer vergilbten Fassade. Seine Hand an meinem Rücken drückt er mich hinein, holt mich ein, zeigt mit einer Bewegung, als schwinge er schon sein rotes Tuch, den Gang entlang, zum Hinterhof.

Der Hinterhof ist mit Backstein gepflastert, Gras wächst in den Rillen dazwischen. Aus einem Baststuhl weiter hinten winkt dem Torero ein Grauhaariger. „Du musst einen Moment warten!“ fordert er von mir, bevor er sich zu dem Grauhaarigen begibt. Ich stelle mich an die Wand neben der Hoftür, von wo aus ich die schmale Fläche überblicke. Sie küssen sich die Wangen. Der Alte scheint gebrechlich zu sein, denn er bleibt in seinem Stuhl, streckt sich nur ein wenig nach vorn. Der Torero, die Hände auf die Hüften gestützt, spricht mit ihm. Vermutlich die gewohnten Sätze, die man sich hier vor dem Stierkampf sagt. Er schaut zu mir herüber, in meine Augen. Es wird Zeit. Zum Abschied küssen sie sich noch einmal. Ich merke, dass ich gern hier bleiben würde, mich ausruhen bei dem Alten, plaudern, ein Glas Wasser trinken oder Wein, soll der Torero allein in seine Arena ziehen. Ich bleibe aber doch bei ihm, gehe ihm sogar voraus. Als er in der Haustür erscheint, versuche ich ihn nachzuahmen: mit angewinkeltem Unterarm und nach vorn abgeknicktem Oberkörper weise ich den Weg. Es misslingt. Nachgiebig lächelt er mir zu, er hat trotzdem verstanden.

Auf der Placa del Ayuntamiento: Kinder rennen auf uns zu, schreien „toro toro.“ Ein Paar Jungen lösen sich aus der Schar. Langsam trauen sie sich heran. Einer hebt seine Fäustchen links und rechts an die Stirn. Beide Zeigefinger richtet er auf den Torero, scharrt mit dem Huf den Dreck vom Asphalt. Das Kinn auf der Brust, springt er vor. Der Torero lässt ihn an seinem Bein abprallen, streicht ihm über den Kopf, lacht. Der Junge nimmt erneut Anlauf. Jetzt stellt sich der Torero auf, drückt seinen Brustkorb heraus, senkt den Kopf, bis seine Augen nur noch hinter den Brauen zu erkennen sind. Er wirft sein Tuch. Der kleine Menschenstier pirscht los. Vorbei. „Ole“ und Kinderkreischen. Der Torero schwingt das Tuch herum, dreht sich auf dem Hacken. Von vorn. Stier hechtet los, Torero hebt das Tuch, Stier unten durch. Ein anderer Junge wird zum Stier. Das Spiel wird wilder, ich bin vergessen. Mein Torero vollführt seine Pirouetten; so viel Eleganz. Ich trete näher. Jetzt galloppiert ein weiterer Stier von rechts heran. Das Tuch wird ihm entgegen geworfen, er rennt darunter hindurch, an mir vorbei, streift mein Bein. Der Torero dreht sich ihm hinterher, den Blick auf seinen Gegner gerichtet, sieht er mich nicht, bis ich plötzlich in seinem Blickfeld auftauche, abrupt bremst er ab, rutscht aus, fast stürzt er auf mich. Staub wirbelt auf.
Er bleibt sitzen, der Rücken jetzt krumm. Mit der Ferse haut er auf den Boden. Die Kinder sind weg, erschrocken vom Sturz dieses großen Mannes. Ich reiche ihm die Hand, die er greift und sich hoch zieht. Jetzt versucht er zu verbergen, dass er sich ärgert, presst aber einen Moment zu sehr die Kiefer aufeinander, was ihn verrät.  Mit der flachen Hand schlage ich ihm den Dreck vom Oberarm und wische ihm eine seiner fettigen Strähnen aus dem Gesicht. Auch er will mir etwas Staub von der Brust klopfen, doch ich mache einen Schritt nach hinten. Er zieht seine Hand zurück. Ich schüttele mein Jackett aus, das es knallt, wedele es kurz herum, wie er sein rotes Tuch, bevor ich es mir über die Schulter werfe. Ich grinse ihm zu. Er erwidert mein Grinsen mit einer stummen, höflichen Grimasse.
Wir gehen weiter. Ich bleibe hinter ihm, er grüßt ab und zu jemanden, doch hält nicht mehr an. Er hat es eiliger, bewegt sich aber weiterhin mit ruhigen, langen Schritten.

Wir gelangen in die Calle de Jativa, vor uns der Bahnhof und zu dessen Rechten die Stierkampfarena, rund, aus rotem Ziegel gebaut. Der Eingang ist leer, die Ränge gefüllt. Die Menge erwartet den letzten Matador dieses Abends, einer von hier, aus Valencia, ein Held, sein Töten fast legendär. Hundert Meter vor dem Portal der Arena hält er inne. Er sieht sich um, ich hinter ihm. Diese Szene des stolzen Toreros vor seiner Arena im Abendlicht, sie gefällt mir. Pfeifen und Buhen schallen über den Platz. Er streckt sich, zieht seine Jacke zurecht und macht sich auf. Diesmal geht er nicht mehr, er schreitet. Ich warte noch, bleibe zurück, betrachtete ihn auf dem Weg zu seinem Kampf. Vor dem Portal des Arenagebäudes macht er halt, will sich wohl verabschieden. Mich suchend guckt er sich um, erkennt mich in der Ferne. Ich hebe den Arm zum Gruß, er dreht ab und verschwindet im Dunkeln.
Wenig später steige ich zwischen den Zuschauerrängen hinauf. Ganz oben, in der letzten Reihe, finde ich einen mir passenden Platz. Unten ist es sehr voll, sehr eng. Hier bin ich beinahe allein. Ich interessiere mich nicht für die Zuschauer. Nachdem ich ein wenig Wasser getrunken habe, stelle ich die Flasche vor meine Füße, die Zeitung nehme ich unter den Arm. Ein Horn ertönt, die Menge applaudiert. Die letzte Runde, die Faena, hat begonnen.

Er tritt alleine in die Manege, trägt nun die schwarze Kappe, in der Hand den Degen und nun wirklich auch das dunkelrote Tuch. Der Kopf des Stiers hängt tief. Er rührt sich nicht. Schritt für Schritt stelzt der Torero auf ihn zu, die Kapelle spielt, sein Körper gespannt, er schwenkt sein Tuch, hin und her und hin und her, erst als der Stier seinen Kopf hebt, das Tuch fixiert, reißt er es nach vorn, ruft dem Stier etwas zu, reißt es noch einmal nach vorn. El Toro trabt los, beschleunigt. Das Tuch wischt über seinen blutigen Rücken. Die Spieße der Banderilleros springen auf und ab. Seine Vorderläufe geben nach, klappen ein, seine Hörner stechen in den Sand. Er wird empor gehebelt, steht senkrecht, fällt rücklings, die Beine ragen in die Luft. Er wirft sich herum, rappelt sich auf. Der Torero schon vor ihm, hin und her pendelt das Tuch. Verhaltenes Klatschen von den Rängen. Der Stier springt dem Tuch hinterher, es verschwindet vor seinen Augen. Der Torero zieht einen Kreis, spielt wie mit den Kindern auf dem Platz. Von Neuem. Stier hechtet los, Torero hebt das Tuch, Stier unten durch. Der Kopf des Stieres wird schwerer und schwerer. Nur noch Zentimeter über dem Boden, Sand fliegt bei jedem Schnaufen. Die rote Fahne pendelt hin und her, berührt seine Stirn. Plötzlich verschwindet sie. Ruhe, nichts passiert. Ich zähle: eins, zwei, drei. Kaltes Eisen blitzt, bohrt sich zwischen die breiten Schulterblätter, tief hinein, durchstößt sein Herz. Er sackt zusammen, stirbt, ist tot. Applaus, Olé.
An einem Strick schleifen ihn zwei Reiter hinaus aus der Manege. Nur eine Furche bleibt im Sand. Es wird geharkt, die weißen Markierungen nachgezogen. Die Arena wartet auf den nächsten Stier.

Nach dem Hornsignal, öffnet sich das Tor zum Kampfplatz. Ein schwarzer Stier bebt herein. Orientierungslos schaut er sich um. Ihm wird Orientierung gegeben; die Helfer des Toreros kommen hinter der Barriere hervor. Ihren purpurrot und gelben Tüchern hinterher jagt er von einer Seite der Arena zur anderen.
Das Tor öffnet sich abermals, diesmal für einen bewaffneten Reiter auf einem gepanzerten Perd. Der Stier greift an. Er rammt das Pferd, schiebt es mit beiden Hörner durch den Ring, während der Picador von oben herab seine Lanze in das Stierfleisch schmettert. Rund um ihn flackern bunte Tücher, hetzen ihn weiter. Das Hornsignal. Zweite Runde. Sechs gestreifte Spieße werden in seinen Nacken geschlagen, festgehakt, schmücken ihn, tanzen in der Luft. Applaus. Die letzte Runde beginnt.

Der Stier steht allein in der Arena. Mein Torero tritt dazu. Sein Rücken gleicht einem gespannten Flitzebogen, der Hintern in den engen Hosen, den Kopf geneigt, als hätte auch er Hörner zu tragen. Er lockt den Stier heran, lässt ihn vorbei ins Leere preschen, Olé, eine Piruette für das Publikum. Heute ist es aus mit ihm, denke ich. Wieder lockt und reizt er den Stier, ruft ihm etwas zu. Wirft dem Kätzchen den Faden aus. Es schnappt danach. Daneben. Der Torero scheint nicht müde zu werden, immer wieder lässt er den Stier die Hörner ins Leere hauen. Führt dem Publikum seine Figuren vor. Ich kneife die Augen zusammen. Ein schwarzer Punkt springt an einem roten vorbei. Hin und her, ich klatsche. Jetzt hält er schon den Degen in der Hand. Der Stier scharrt mit dem Huf, huscht los. Das Tuch flattert, wartet auf den Stier, tanzt vor dessen Nase. Mein Torero lässt ihn einen Kreis ziehen. Wie stolz die beiden sind. Wir sind begeistert und klatschen. Ich rufe wie die anderen: „Olé“. Mein Torero hebt das Kinn. Er sieht mich hier sitzten, als dunklen Fleck. Da bin ich wieder. Das stumpf geschliffene Horn des Stiers vor seiner Brust, ein Zucken des mächtigen Rumpfes - sein Auge noch auf mich gerichtet, hebt er ab, die Haut reißt auf, das Horn sackt durch den Brustkorb. Eine Puppe in der Hand eines wütenden Kindes. Ochsenschwanz und ölige Strähnen, purpur schimmernde Tücher; er sieht sie schon nicht mehr. Manche halten sich die Hände vors Gesicht, lugen durch die Finger hinaus.

Der Stier drückt den Toten in den gelben Sand, stochert, setzt nach, bis er endlich ablässt, abgelenkt vom nervösen Schimmern der flackernden Tücher. Man schafft die Leiche eilig aus der Arena; sie denken, er wäre noch zu retten.

Das Tier steht jetzt allein an der Barriere, unter ihm roter Sandschlamm, die Spieße hängen wie Ehrenbekundungen von den Schultern herab. So steht es dort unten. Ich steige die Ränge herab, erscheine vor der Barriere, trete durch den Sand auf es zu. Die schwarzen Kuhaugen verfolgen mich dabei. Meine Hand fährt den nassen Rücken entlang, so dass die dicken Haare Tropfen von Blut in die Luft schleudern. Wir warten. Die Helfer des toten Toreros warten. Dann sinkt der Ochse unter meiner Hand zu Boden. Einer kommt mit einem Dolch und haut ihn dem Stier ins Genick. Ich schaue noch zu, wie sie den schweren Körper aus der Arena zerren, dann wird es Zeit, dass ich gehe; bevor die herausströmenden Zuschauer den Ausgang verstopfen.

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Illustration: Mia Hague