Erwin

von Finn Kirchner

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erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, 2. Quartal 2009

Fangen wir vorne an. Als die Krise begann, machte er sich darüber lustig. Er hatte damit nichts zu tun, er war Immobilienmakler in Deutschland. Irgendwann war der Spaß natürlich zu Ende, immerhin verkaufte er noch nicht gebaute Häuser, in denen man zudem gar nicht wohnen oder arbeiten sollte. Luftschlösser, nannte er sie häufig, während er Interessenten über das Brachland führte, Luftschlösser mit Wänden aus Buchgeld. Bald war die Sache mit der Maklerei zu Ende, er suchte nach neuen Herausforderungen.

Die Bezeichnung in der Öffentlichkeit hatte sich von Immobilienkrise zu Finanzkrise gewandelt. Erwin sich vom Immobilienhai zum Finanzhai. Er hatte sich eine Mischung aus Schneeball- und Pyramidensystem überlegt, auf das – und jetzt kommt‘s – nicht bescheuerte Rentner sondern – aufgepasst! – Banker hereinfallen sollten. Er hatte einen Fonds im Angebot, dessen Eigenheit es war, dass er immer abwechselnd Aktien einer Firma und dann die der Konkurrenz orderte. Tennissystem! Fielen die Deutsche Bank-Aktien, kaufte er mehr von der Dresdner. Fiel Daimler, kaufte er BMW. Und wieder umgekehrt. So geht das hin und her, erklärte er, und am Ende gewinnt Carl-Uwe Steeb. Mmmhahaha. Am Anfang sagte er Boris Becker, aber eine Unterlassungsklage zwang ihn, auf Steeb zurückzugreifen. Bald war‘s auch egal.

Ich hatte bei beidem mitgemacht und war finanziell recht angeschlagen. Obwohl ich schon in eine kleinere Wohnung gezogen war und meine Haustiere abgeschafft hatte, reichte das Geld vorne und hinten nicht. Erwin hatte mir Kreditgeber vermittelt, die jetzt immer öfter Mitarbeiter vor meine Tür schickten, um das Geld einzutreiben, das wir verloren hatten. Diese Albaner, hatte Erwin gesagt, die geben dir jede Summe, die du willst. 50 Jahre Kommunismus, woher sollen die was von Investment verstehen? Also hatte Erwin die Idee, die Albaner ein bisschen zu melken, wie er es nannte, und jetzt hatten wir den Salat. Mein Unterarm wuchs krumm wieder zusammen, weil Erwin mich überredete, die Praxisgebühr zu reinvestieren.

Erwin ging es auch nicht gut. Das sah man, seine Augen schwollen langsam zu Schlitzen. Immer öfter hatte er plötzliches Nasenbluten. Aber als Profi ließ er sich davon nicht beeindrucken. Momentan gibt’s Traditionsbetriebe zum Schleuderpreis, sagte er, willkommen am Wühltisch der Weltwirtschaft.

Eigentlich hatte ich weder Lust noch Kapital. Doch er erklärte mir alles. Wir waren in einer Jan Ullrich-Position, wie man in der Finanzwelt sagt. So wie Ulle die Lücke zwischen Merckx und Armstrong nutzte, so schleichen wir uns zwischen Amerika und China. Ich hatte Jan Ullrich immer gemocht, und so verkaufte ich eine Niere. Erwin steckte das Geld in einen mittelständischen Gewürzbetrieb. Zwei Drittel gehörten nun uns, der Betrieb stand, ehrlich gesagt, kurz vor dem Aus. Erwin war aber guten Mutes. Hedgefonds machen nicht satt, Rinderfonds schon. Ein Teufelskerl, dieser Erwin!

Weil wir unwissend auch zwei Drittel der Schulden der Firma mitgekauft hatten, mussten wir die Gewürze bald sein lassen. Das hatten wir nicht gewusst. Erwin, der Fuchs, schenkte die Firma zur Zinstilgung den Albanern. Dann tauchten wir ab. Mit falschen Namen, Erwin hieß jetzt Egon, landeten wir den nächsten Coup. Beziehungsweise Egon, der geniale Hund, landete ihn, ich war seit der Nierengeschichte bettlägerig. Keine zwei Wochen brauchte dieser Genius, da hatte er den  Fuß wieder in der Tür der oberen Zehntausend. Gebrauchtwagenhandel im ganz großen Stil, versprach er mir, mit der Squash-Taktik. Was andere abwracken, kaufen wir auf. Dann verkaufen wir die Kisten als Neuwagen und bekommen dafür neue Wracks. Ich war beeindruckt, mehr noch: Ich verehrte Egon. In dieser Halbglatze steckte mehr Geschäftssinn, als an der ganzen Wall Street zusammen.

Dass der Plan nicht funktionierte, war nicht Egons Schuld. Es fehlte einfach an Kapital, und die Albaner, die ich nochmal aufgesucht hatte, sahen da auch keine Möglichkeit. Ich dagegen sah nach dieser Aktion gar nichts mehr, weil die Albaner meine Augen als Pfand einbehalten hatten.

Erich, wie er jetzt hieß, tat mir leid. Ohne die Krise wäre dieser Mann jetzt ein deutscher Trump, mindestens. Ein süperber Krösus, den allein das Siechtum der Krise sabotierte! Aber Erich wäre nicht Erich gewesen, wenn er nicht bald den nächsten Coup in der Hinterhand gehabt hätte: Energiewirtschaft. Atom UND Kohle, offenbarte er mir, und zwar nach dem Wrestling-System. Wir zetteln Schaukämpfe zwischen den Lobbys an. Wenn die Politik sich dann auf eine Seite schlägt, ist das ganz sicher unsere. Immens kollossal! Wir investierten meine Invalidenrente in eine Pistole, und Erich besorgte bei den Albanern Geld. Das steckten wir in die Stromerzeugung, dass es nur so qualmte. Emil, wie er jetzt hieß, besorgte mir sogar eine Pflegerin. Der Samariter, Gott möge ihn zum Primus küren!

Als sie ihn schnappten, lag ich gerade vor dem Fernseher und hörte zu. Betrüger nannten sie ihn, aber sie meinten es positiv. Halsabschneider, Hochstapler, Lump und Hyäne, voll Ehrerbietung. Geschrei und Wirrnis war zu hören, doch plötzlich, durch Tumult und Wirrwarr hindurch, vernahm ich sein Organ: Ich kenne keinen scheiß Erwin! Sein Bild keimte vor meinem inneren Auge. Und wie, er war zornig ob dieses schäbigen Traras, der lumpigen Mätzchen dieser odiösen Lakaien. Emil zürnte, stemmte sich empor in wogende Tollwut, monolithisch verwachsend mit aufgedunsener Inbrunst, den psychedelischen Kosmos des Gezähmten als trunkenen Wucher übermannend, juchzende Gloria im Livree des Dutzendgesichts, doch immerfort ruhmloser Heerführer des doppelbödig Orthodoxen, Gipfel des Drangs, Lust der Leistung, auf der profanen Scholle säkularer Öde verhunzelter Gast, unweigerlich berufen zum energischen Bersten der von Eselei durchtränkten überratzten Scharen morscher Trugbilder. Ich lächelte.
er. Ich lächelte.