Gedichte zum Untergang von fast Allem

von Olker Maria Varnke

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erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, zweites Quartal 2009

Die Made
frei nach Heinz Erhardt

Hinter eines Baumes Rinde
Wohnt die Made mit dem Kinde.
Umgeben tut sie dichter Qualm,
Das ist schlecht, denn hinzu all’m
Kommt als Katastroph‘
Der fehl‘nde Sauerstoff.

Ursache von der Misere
Ist – das Raten fällt nicht schwere –
Das menschlich Wesen Ungeheuer
Finanziert durch uns’re Steuer.

Und schon steht der Stamm in Flammen
Weicht von Hinnen für die klammen
Leeren Portemonnaies der Bauern,
Die dies nicht einmal bedauern.
Zwanzig Jahre oder zehn,
Länger wird man hier nicht säen.
Schon das nächste Wäldchen steht bereit
Für des Menschen Feldarbeit.

Hinter keines Baumes Rinde
Fehlt jede Made, jedes Kinde...





Der Waldkönig

frei nach Johann Wolfgang von Goethe

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Wildhengst mit seinem Kind.
Hinter beiden dröhnen und pfeifen
Kanonenkugeln, Raketen und Reifen.

 „Was soll dieser Humbug?“, fragt das Kind.
„Es ist der Alte, es heißt, er spinnt!“
Es folgen beiden Fuchs und Wiesel,
Auch jenen stinkt der faule Diesel.

Alles Getier verlässt den brenn‘den Wald,
Auch wenn es im Felde ist bitterkalt.
„Vater, Vater! spricht da das Fohlen,
Lass mich die Mama nur rasch holen!“

„Junge, mein ein und alles, geh nicht!“
„Doch Vater, s’ist meine Pflicht!“
Spricht’s, geht und ward nimmer mehr geseh’n.
So bleibt der Vater weinend steh‘n.

Dem Vater grauset‘s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen Fuchs, Katz und Rind,
Erreicht den Hof auch nicht mit aller Not,
Er, seine Arme und die andern sind tot.





Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
frei nach Theodor Fontane

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn‘s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck den Kindern die Mäuler voll.

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Ein ums and‘re Kinde zu sterben kam.
Man sah ihr Ende. ‘s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Was ist nur los?
Die Birnen sind so merkwürdig groß!«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Wuchsen Birnenbäume heraus.
Alle Bauern und Büdner mit Angstesgesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»Wat is dat nu? Wat sin dat nu für Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Weit unter dem Hause, im alten Bergwerksstollen,
Brachte von Ribbeck Atommüll zum Rollen.
Dies alles freilich für ein gut’s Leben,
Wer viel hat, der kann viel geben.
So leuchtet‘s nicht nur in der Herbsteszeit
auch lang nach von Ribbeck weit und breit.

Es spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.