Die Vorstellung, auf einer Parkbank zu sitzen

von Kalle Kalbhenn

erschienen im Rahmen der Titelrubrik in Kommunikaze 33, zweites Quartal 2009

Er dachte darüber nach und fand den Gedanken reizvoll. Die Vorstellung, immer auf einer Parkbank zu sitzen; immer auf der gleichen Parkbank zu sitzen, egal in welchem Park, wichtig wäre nur, die Bank auf der er dann immer säße und das Einzige täte, wozu er noch Lust hätte: Nicht zuzuhören, keine Antworten zu geben.

Auf der Parkbank würde er sitzen, mit Apfel in der einen und Buch in der anderen Hand. Immer dabei, eine Jutetasche voller Bücher und einen Bleistift, um die guten Stellen zu markieren. Menschen würde er nur notfalls beachten, notfalls wäre nie. Es gäbe dort keine Telefonzelle, kein Faxgerät und auch nicht dieses Internetz. Nix dergleichen, aber so sollte es dort sein, auf der Parkbank, wo er nur sitzen und weder zuhören noch antworten würde.

Die Parkbank würde er teilen. Außer ihm wären noch einige Eichhörnchen und Dachse vor Ort, die Bank als ihr Zentrum. Die Tiere würden sich zu beschäftigen wissen. So holten die Eichhörnchen immer neue Vorräte an Nüssen heran, um sie zu vergraben und dann direkt zu vergessen, wo sie sie vergraben hatten. Die Dachse würden den ganzen Tag schlafen und nur selten einen Blick in die aktuelle Tagespresse werfen, weil nichts passierte und wenn doch etwas passierte, dann zumindest nichts, was von Belang wäre. Die Dachse könnten sich nicht daran erinnern, dass irgendwann einmal etwas Spannendes passiert wäre. Wenn die Menschen aufgeregt durch den Park liefen, dann wussten die Dachse, dass es keinen Grund gibt, aufgeregt durch den Park zu laufen, dass nur wieder jemand etwas Dummes gesagt hat, was ein anderer geglaubt hat. Manchmal würden die Dachse den Finanzteil der FAZ lesen und sich über den Wertverlust der VW-Aktie freuen, denn darauf hätten sie gewettet. Aber auch das wäre ihnen ziemlich egal.
 
Er würde einen besten Freund haben, einen großen Laib Brot, der tagtäglich neben ihm auf der Parkbank Platz nähme. Ein übergroßer Laib Brot, mit dem er sich im Laufe der Jahre anfreunden würde, nachdem er bemerkt hätte, dass der große Laib Brot Adorno studiert. Dann würden sie sich unterhalten, über Minima Moralia, der Laib Brot und er. Nicht darüber, wie es ihnen gesundheitlich geht oder wie das Wetter so ist. Das könnten sie sich schließlich auch denken und sie wüssten, dass der andere es sich auch denkt. Einzige Gesprächsthemen wären Literatur und Philosophie. Der Laib Brot hätte Werke von Hegel, Kant und Schopenhauer dabei, in der Jutetasche lägen Nietzsche, Derrida und Foucault bereit.

Neben diesem Interesse würden die beiden noch etwas anderes teilen, etwas, dass nicht greifbar ist und das sie eventuell gar nicht bewusst teilen würden. Sie würden eine unterschwellige aber stets gegenwärtige Sehnsucht in die Ferne teilen. Dabei würden die Gedanken des Mannes immer wieder an ferne Orte schweifen, weil er glaubte, nur in der Ferne zu sich selbst zu finden; nur in der Ferne, an einem anderen Ort.

Der Laib Brot würde vielleicht zeitgleich geplagt von Fernweh in Gedanken versinken, er hatte sich einst beim Besuch eines russischen Wanderzirkus in eine seiltanzende Braunbärendame verliebt und wüsste, dass diese irgendwo in der Ferne auf ihn wartet. Richtiges Wissen wäre es nicht, aber er würde es zumindest hoffen. Und so wäre es auch tatsächlich, aber das spielte keine Rolle. Erwähnt sei an dieser Stelle nur, dass sie beide bis an ihr Lebensende aufeinander warten würden. Vergeblich, denn beide blieben sitzen. Der Laib Brot auf der Bank, die Braunbärdame in ihrem kleinen, beschissenen Gitterwagen. Sie würden sich lieben, wenn auch nur in Gedanken. Aber es würde auf Gegenseitigkeit beruhen, zumindest das würde es.

Auf der Parkbank säße er lesend, müsste niemandem zuhören und keine Antworten geben. Doch eines Tages würde ein besonderer Tag sein, dann, wenn zum ersten Mal ein anderer Mensch auftauchen würde, den er nicht sofort verabscheute, jemand, den er schon einmal gesehen hatte. Er hatte den Mann zum ersten Mal im Freibad gesehen, als dieser dort Pommes in der Tüte aus seinem Bauchladen heraus verkaufte. Er schaute immer voll Sehnsucht den Turmspringern zu, bis er einmal all seinen Mut zusammen nahm und in voller Montur und mit seinem Pommesfrtittiergerät vorneweg vom Turm sprang. Danach hatte er ihn im Freibad nie wieder gesehen. Nun würde er ihn im Park sehen, wie er eine große Skulptur hinter sich herzieht. Er stellte die Skulptur in die Nähe des Flusses, guckte sich schüchtern um und verschwand.

Der Mann würde sich dann von der Bank erheben und die Skulptur betrachten.
Die Skulptur würde einen Fuchs darstellen. Sie wäre aus Dosen errichtet und würde mit der Nase in Richtung des Flusses zeigen. Dem Fluss, der die Stadt verlässt in Richtung Quelle oder Meeresmündung, dahin, wo es keine Dosen aufzusammeln gibt, weil es dort keinen gibt, der Dosen wegschmeißt, weil es dort auch keinen gibt, der Dosen kauft oder verkauft. Dorthin, wo niemand den ganzen Tag in erfundenen Räumen verbringt, sondern sich alle dort treffen, wo man sich zur Not auch direkt in die Fresse hauen kann. Zur Quelle also oder zur Mündung ins Meer. Das wäre die Entscheidung, die der Mann an dieser Stelle zu treffen hätte, aber der Mann ist nicht entscheidungsfreudig und es müsste sich erst noch zeigen, wie es in diesem konkreten Fall weitergehen würde. Ob, und wenn ja, wie sich der Mann entscheiden würde.

Es würde sein Leben verändern.
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Illustration: Alice Socal